Vogelperspektive: Kapitel 1

winterliche Morgenluft
Am Morgen fällt Leos erster Blick auf seine Gitarre, die neben ihm auf dem großen Bett liegt.
 Auf seinem Fenstersims sitzt der kleine Spatz Gregor und beobachtet ihn mit schräg gehaltenem Kopf.
 Die unsichtbare Kahle steht am Fenster und durchdringt mit ihrer linken Hand die Scheibe, um Gregors Flügel zu streicheln.
 Gregor dreht seinen Kopf nach oben und schaut ihr vertraut in die Augen.
Leo bemerkt den kleinen Spatz nicht.
Er steht auf und geht ins Badezimmer.
Der Sperling fliegt zum Badezimmer-Fenster und denkt dabei: “Oh, etwas ist anders! Etwas ist anders. Wird er es heute tun?”

Das Milchglas im Badezimmer-Fenster jedoch verwehrt seinen kleinen schwarzen Knopfaugen die Einsicht. Also fliegt er wieder zurück zum Schlafzimmer-Fenstersims und verweilt dort, den Blick fest auf die Tür gerichtet; wie ein Hund, der wie angewurzelt vor einem Geschäft auf die Rückkehr seines Herrchens wartet.
 Nach kurzer Zeit erscheint Leo mit allerlei Dingen im Arm und wirft alles auf sein Bett. Dann greift er sich die alte Ledertasche, die er vor fünf Jahren am Broadway gekauft hatte, und packt wie ferngesteuert nacheinander alles ein, was er gerade eben noch benutzt hatte: Zahnpasta, Zahnbürste, Kamm, Duschgel, ein Handtuch, den Rasierer, Aftershave und eine Packung Aspirin.
 Er geht an seinen Schrank, öffnet ihn und kramt ein Paar frische Socken aus einer Schublade hervor, die er mit gekonnter Wurftechnik in die geöffnete Tasche wirft.
 Es folgen ein paar weiße Unterhemden und sein Lieblings T-Shirt mit James Taylor-Aufdruck, Shorts und eine Jeans.
Er zieht sich noch einen dicken Wollpullover über, greift sich seinen Parka, die Tasche und die Gitarre, geht den langen Flur seiner großen Berliner Altbauwohnung hinunter bis zur Eingangstür, öffnet sie und übertritt die Schwelle. 
Dann schließt er die Tür von außen und dreht den Schlüssel zwei Mal nach links, bevor er seiner Behausung den Rücken zuwendet und sich daran macht, die Treppen hinabzusteigen. Jede einzelne Stufe scheint ihn zugleich stärker, lebendiger aber auch ein wenig ängstlicher zu machen.
Er tritt aus dem Haus hinaus in die winterliche Morgenluft.

Für Leo fühlt sich dieser Winter intensiver an, als ein lauer Winter den meisten Leuten erscheinen mag. Auch diese Jahreszeit tut nicht, was man von ihr erwarten würde. Und deshalb ist der kahle Kühle an diesem Morgen Leos Verbündeter, sein Kumpan, sein Fluchtgehilfe und Geheimnisträger.

Die innere Unruhe fühlt sich für Leo das erste Mal so an, als wäre sie ein freudiger Vorbote einer bislang undefinierten Lebendigkeit, die man nicht schauspielern könnte, weil sie zu unmittelbar und unschuldig ist, um sie bewusst beeinflussen zu können.

Es ist, als würde er das Blau des Himmels, das sich links über ihm auftut, zum ersten Mal wirklich sehen, und er möchte so schnell wie möglich herausfinden, wie viele Wolken denen noch folgen, die gerade über die Dächer zu seiner Rechten ziehen.
 Nicht das Suchen nach einem neuen Abenteuer, um sich abzulenken, treibt ihn an, sondern ein tiefes Vertrauen in etwas, das da draußen auf ihn wartet, um entdeckt zu werden.
 Er war schon immer einer, der mit wehenden Haaren in die Welt hinaustobte, ohne Hemmungen. Doch heute wurde ihm klar, dass dies eine Strategie war. Er sah sich gern selbst so, als ungestümen Furchtlosen, der über jeden Skrupel erhaben lächelte. Doch nun tropft dieser antrainierte Mut von ihm ab wie Tau, der an diesem Morgen anfägt, aus dem Raureif herauszuschmilzen. Ist er vielleicht ein ganz anderer Huckleberry Finn als der mit den gut verkäuflichen Gesichtszügen und dem antrainierten Charme?

Es drängt in ihm, aufzublühen.
 Je mehr frische Luft er an seinen Nasenhaaren vorbei in sich hineinzieht, desto mehr spürt er die stille Macht der inneren Blumenkelche, die sich das erste Mal, durch das verletzliche Grün ihrer Mutterpflanze hindurchwachsen, um – gemäß ihrer Natur – ihre eigentliche Bestimmung zu erfüllen.
Wie neu ist dieses Gefühl, seine Mimik unbewusst geschehen zu lassen, anstatt den Beobachter anzuwerfen, der sich stets der eigenen Wirkung auf andere bewusst ist. Er kann mit jedem Kumpel sein. Weil er so schön ist, dass er die Blicke magnetisch anzieht, gleichzeitig aber auch eine sehr dominant witzelnde Präsenz hat, mag ihn fast jeder, außer vielleicht jene, die das Geheimnis ebenfalls kennen und Konkurrenz riechen.
Das Geheimnis? Das ist eine bewusst ausgesandte Bestätigung des Gegenübers, verbunden mit Neugierde und ernst gemeinter Freundlichkeit. Diese Melange aktiver Annahme brachte ihm bislang eine verblüffte Sympathie ein. Und er war sich außerdem gewiss, dass er im Gedächtnis blieb. Es lag einzig und allein daran, wie gut er es vermochte, das Geheimnis anzuwenden. Auch die Anzahl seiner männlichen und weiblichen Socialmedia-Fans bestätigte ihm, dass er dem Geheimnis mittlerweile alle Ehre machte.
Und bei Frauen? Da wurde es erst richtig spannend. Durch seinen Beruf hatte er attraktives Übungsmaterial en Masse. Die meisten von ihnen waren ähnlich aufgeschlossen aufgestellt wie er. Da konnte er üben, üben, üben.
Jahrzehntelang hatte er an seiner Flirt-Technik gefeilt. Selbst wenn er eine Frau noch nie zuvor gesehen hatte, schien er zu wissen, dass sie ihn anziehend fand. Es war eine Aufforderung in seinen Augen, wenn sich die Blicke zum ersten Mal trafen. Und genau diese vorausgeschickte Bestätigung seiner Attraktivität verlieh ihm diese Anziehung. Die jahrzehntelange Arbeit vor der Kamera hatte ihm das d´Accord mit dem Mittelpunkt injiziert. Auch auf der Bühne war der Scheinwerferrausch ihm vertraut. Eine Art Mottenlicht war das, und sein Beobachter knipste ihm den Schalter an. Durch den Beobachter war Unsicherheit kein Thema. Das Problem war nur, dass die Variationen von Beziehung relativ eng aufgestellt waren, wenn sie so begannen. Die Frauen kamen, wollten bleiben, und er ging wieder. Das regte ihn irgendwann an sich selbst auf. Als sei er zu feige, um zu bleiben. Der Therapeut hatte gesagt, er wäre süchtig nach den Hormonen, wie auf Koks. Sobald die verflögen, flöge er davon.

Er ging dann nicht mehr hin zu dem. Aber es ließ ihn nicht los, was dieser da gesagt hatte. Es ärgerte ihn. Sucht? Unkontrolliertes Verhalten? Das durfte nicht sein.

Da entschied er, dass er clean bleiben wollte. Eine Phase davon noch und dann auch das im Griff haben. Er suchte und traf schon bald die perfekte Frau. Sie passte zum Beobachter, weil ihre Beobachterin super zu ihm passte. Eigentlich war das eine Beobachter-Beobachter-Partnerschaft. Eine Win-Win-Situation sozusagen. Sie lachten viel, sie studierten eine gemeinsame Situationskomik ein. Sie überspielten Unsicherheiten, sie wollten nicht an das gemeinsame Altwerden denken. Auch über Kinder wurde nie gesprochen. Tabu.
Wenn sie bei ihm übernachtete und am Frühstückstisch neben ihm saß, dachte er oft: „diese Frau ist so entspannt. Kein Drama, kein Streit. Sie weiß genau, was sie will, macht Ansagen. Selbst ungeschminkt ist sie perfekt. Doch wenn sie mich ansieht, dringen ihre Augen nicht in mich ein. Sie beobachtet mich, so wie ich sie beobachte. Wir sind uns irgendwie fremd. Das macht es spannend im Bett, aber frühstücken könnte ich eigentlich genauso gut allein.“

Leo saß nur halb an diesem Tisch. Es war, als säßen zwei halbe Hälften da, die versuchten, zusammen ein noch optimaleres Ganzes zu ergeben, das gut abzulichten war und als Vorzeigeprojektion herhalten konnte. Alles war perfekt, es konnte gar nicht besser laufen. Aber `hier´ war er trotzdem nicht, wenn er stets die Kontrolle behielt und zudem die alte Abenteuerlust ihn anödete. Es gab wohl einen Anteil von Leo, der noch nie zum Zuge kam. Es musste noch einen dritten Weg geben. Erst gestern hatte er diesen Gedanken, bevor der Schlaf ihn übermannte.
An diesem Morgen hat Leo dem verschmitzten alles unter Kontrolle habenden Dirigenten beim ersten Blick in den Badezimmerspiegel die Regie entzogen: „heute nicht, mein Freundchen, du langweilst mich. Es ist immer das Selbe mit dir. So geht das schon ewig, und dieses Angehimmeltwerden ist wie Teer. Es klebt und stinkt mir. Und was übrig bleibt, ist eine asphaltierte Straße in den Erfolg. Aber es passiert nichts Neues. Es fühlt sich an wie Stillstand. Du bleibst jetzt erstmal in diesem Spiegel. Da kannst du dich in deinem Licht sonnen, und weißt du was? Ich fahre weg. Hoffentlich finde ich einen Ort, wo dich keiner kennt.“
Leo ist in diesem Moment erwacht als ein Spion, der sich selbst die eigene Fährte hinterlässt.
Jetzt setzt er sich ans Steuer seines alten weißen Mercedes und fährt einfach los.

In einer halb unbewussten Handbewegung schiebt er die Kassette in den Rekorder, spult zurück und lässt das Band darauf laufen. Ein Lied von James Taylor erklingt im Wagen: “I was raised up family, man, I´m glad, I´m on my own…”. Er grinst verschmitzt in sich hinein und steigt immer wieder ein zu “man, I´m glad, I´m on my own”.

Seine Stimme ist nicht ausgebildet. Er hatte sich während seines Schauspielstudiums durch die Gesangsstunden hindurchgemogelt und seine Ambitionen auf den Sprechunterricht begrenzt. Tom Waits hatte sicher auch nie etwas von diesen lächerlichen Tonleitern gehalten.
Er entschließt sich, noch einmal an der Villa seiner Eltern vorbeizufahren, dann lenkt er die alte Mittelklassekarosse in nordwestliche Richtung und fädelt sich ein in den Berufsverkehr von Otto Normalverbraucher. Der dritte Song auf dem Tape, das leicht leiert, weil er es schon so oft gehört hat, erzählt vom Vagabunden-Leben. Er singt schief und aus vollem Halse mit: “cause i gotta get back on my feet again, gotta get back on the street again…lalalalalala lalala….”
Irgendwann drängen sich dann immer weniger Autos vor und um ihn, bis er fast ganz allein und mit freier Sicht ein mächtiges, kaum auszuhaltendes, denn ungewohntes Feld der Einsamkeit um sich herum wahrnimmt.
Es findet ein fließender Übergang statt, der ihn von der Großstadt in die Weite trägt.
Hier fährt er eine ganze Weile einfach nur geradeaus.

Hinter ihm auf der Rückbank liegt sie: seine Geliebte aus Holz, die Einzige, die von seiner Sehnsucht weiß, die Einzige, die sich nichts aus seinem Namen macht und ehrlich klingt, wenn er auf ihren Saiten spielt und sein Lied sich in ihrem Bauch entfaltet, die Einzige, die ihm seine freien Stunden erwartungslos versüßen kann, indem sie nichts ist als das, was sie ist. Niemand ahnte etwas von dieser Affäre, und niemand wurde durch sie verletzt.

Die Straße verhaftet seinen Blick, in wohliger Automation.
Erst als in seinem unteren links gehaltenen Gesichtsfeld ein rotes Lämpchen zu leuchten beginnt und seinen auf der Straße festgefrorenen Blick aus seiner Trance reißt, sucht er das nächste Ausfahrtsschild.
Eine Tankstelle taucht auf und wird schärfer, verschwimmt dann aber doch für kurze Zeit wieder, als sein traumtrunkener Blick versucht, die näher kommenden Buchstaben auf der Informationstafel zu entziffern. Er hält auf der linken Seite der Zapfsäule und steigt aus dem Wagen. In dem Augenblick, als er die Tür zuschlägt, erscheint die Kahle auf seinem Beifahrersitz.
Er geht, ohne sie zu bemerken, hinten um den Wagen herum und steckt den Diesel-Zapfhahn in die Tanköffnung.
Die junge Frau lehnt ihren kurzgeschorenen, schönen Hinterkopf an die Fensterscheibe und öffnet ihr Notizbuch.
Leo streicht sich die kitzelnden Haare, mit denen der Wind spielt, aus dem Gesicht und versperrt dem Benzingeruch den allzu tiefen Zugang zu seinen Lungen. Er atmet flach und lässt sein Gesicht von der fröstelnden Brise streicheln, während die Zahlen hinter ihm flatternde Geräusche in seinen Nacken flüstern. Er tankt den Wagen voll, geht über die kleine Bordsteininsel hinüber zu der Glastür, die sich automatisch öffnet und ihn eintreten lässt.
In seinem Wagen singt die Kahle leise mit: “lalalala…”.

Ein anderes Auto, das gerade in die Tankstelle einfährt, wird von einer frustriert wirkenden Frau Ende vierzig gesteuert. Sie parkt auf der anderen Seite der Tanksäule, und als sie ihren grünmetallisch glänzenden Neuwagen verlässt, bemerkt auch sie keine junge Frau mit kahlgeschorenem Haupt auf dem ledernen Beifahrersitz des alten Mercedes.
Leo kehrt zurück zum Wagen. Es scheint, als hätte sein Gang sich geändert – so als wären seine Füße von Watte umgeben und seine Schultern – die hatten diese breit aufgestellte Erhabenheit aufgegeben. Zwischen seinen Schulterblättern tritt langsam eine Veränderung ein, die ihn sanft von innen heraus aufrichtet. Ein kleines Zögern, dann öffnet er behende die Autotür, setzt sich, hält inne, wendet sich nach rechts und blickt wie angehalten auf das abgesessene Leder des Sitzes neben sich. Der Autositz erscheint ihm genauso leer wie zu Beginn seiner Abenteuerreise. James Taylor jedoch ist immer noch zu hören.
Er stellt seinen Kaffeebecher aus Pappe vorsichtig auf die vordere linke Kante des Beifahrersitzes und zieht die Tür seines alten Wagens mit Schwung und vertrauter Vorsicht in ihren Rahmen zurück, so dass das Schloss richtig einrasten kann.
Er sieht nicht, wie die kahle Frau mit angezogenen Beinen in ihrem luftigen Sommerkleidchen neben ihm sitzt und seinen Kaffee festhält, damit er nicht verschüttet, während der Motor absäuft, die Anfahrt vereitelt und es einen Ruck gibt.
“kommt schon, meine weißen Pferdchen, das wird ´ne lange Fahrt, also gewöhnt euch dran. Es gibt jetzt kein Zurück mehr…”.
Sie sieht ihn verwundert an, lächelt dann aber unmittelbar, als sie realisiert, dass er mit dem Auto gesprochen hat.
Er dreht den Schlüssel nochmal nach rechts und lässt das Gas mehrmals kommen.
Der Wagen springt an. “ich weiß zwar nicht, wohin” sagt er, “aber gerade das gefällt mir.”
Die Kahle öffnet ein kleines Notizbuch und fängt an, darin zu lesen.
Das nächste Lied beginnt, und bevor er wieder losfährt, lauscht er einen Moment der ersten Strophe bis zum ersten Refrain: “where are you someone?”

Dann dreht er den großen Knopf des Autoradios nach links, fast bis zum Anschlag, so dass die Musik kaum merklich weiterläuft und es wieder leiser wird um ihn. Nur der Motor des Wagens hüllt die Sitz-Kapsel in monotone Gemütlichkeit.
Die Kassette endet unmerklich, als der Tag verschwimmt und die Stille die Nacht begrüßt.
Die unsichtbare Frau blättert eine Seite weiter und ließt aus ihren Notizen vor, während er auf die Straße starrt und die Lichter der Laternen in regelmäßigen visuellen Impulsen den Takt angeben, auf der breiten Straße, die in Richtung einer großen Hafenstadt führt.

„gelber Duft durchtränkt die Fährte
zerflossen in Dezemberluft
Frontlichte im Rückspiegel
Zeugen deiner Schatten
da blühen Eisblumen im Seitenfenster
dein kondensierter Atem
irgendwo zwischen der Zeit
paralyse Minuten vergehen in Meilenweite
weinen still, denn niemand sieht zu
Worte und Zeilensteine bleiben liegen
am Wegesrand
schwerer als das Abgas der Maschine
ich sing für dich
du hörst mich nich
schweben auf den Linien
während sie verschwimmen
die Sicht verführn sie
sich zu verliern
folg dem Lauf der Straße
wenn die klebrigen Gedanken
sich von dir lösen
sterben sie den Tod der Fliegen
an irgendeiner Windschutzscheibe hinter uns
die Igel, die heut Nacht das Schwarz der Straße überqueren
werden wissen
ich war hier
da kommt James Taylor aus den Boxen
weich in den Ohren, frei von Drang
Woodstock auf vier Reifen
ein Kind in dem Wagen auf der linken Spur
sieht mir direkt in die Augen
du merkst es nich
verlesen rar
die Schönheit des bekannten Unbekannten
brennt sich ein in dein Sein
lässt Dominanz verblassen
bagatellisiert
was ich einst wichtig nahm
karamellisiert
die Freude und die Gram
es ist passiert
und wie ein roher Diamant
oft unerkannt doch ewiglich
befreit die Liebe manche Sicht
doch Zeit und Raum
die kennt sie nicht
und ich?
ich bin bei dir
ganz nah
das Herz kennt weder ein zu früh noch ein zu spät
und sie?
sie kommt und geht
und kehrt zurück
ein Morgenschweif am Mittag
lässt es ungeahnt um mich geschehn
bannt mich so, dass nur mein Atem unbemerkt mich retten kann
und jede Zelle
wenn mir jemand wie verwandt durch meine Maske in die Seele sieht
nicht mehr dealt
mit Frohgemut und der Hut
auf der ich war.“

Leo sieht gedankenverloren für einen Augenblick in den Rückspiegel. Er beschliesst, eine kleine Pause einzulegen und ein bisschen frische Luft zu schnappen. Er wechselt die Spur und fährt auf einen kleinen Rastplatz, der direkt an ein großes Feld angrenzt.
Um ihn herum werfen blätterlose Bäume nächtliche Schatten in den blau beschienenen Asphalt. Der Mond ist fast voll in dieser Nacht.
Leo öffnet die hintere Tür des Wagens, zieht sich seinen Parker an, nimmt seine Gitarre in die Hand und setzt sich, ein paar Meter vom Wagen entfernt, auf die letzte von vier Sitzflächen einer Sitzgruppe, die noch übrig geblieben ist. Die anderen drei sind den Zähnen des Zeit-Ungeheuers und ein Paar Holzwürmern zum Opfer gefallen. Mit diesen Picknicktischen verhält es sich so wie mit abgelegenen Spielplätzen. Manchmal geraten sie vollkommen in Vergessenheit und sind dem Verfall ausgeliefert, weil keiner die Zeit hat, sie zu beachten. Und wer hat normalerweise schon Zeit am Rande einer Autobahn?
Leo spielt ein Lied, das ihm seit Wochen im Kopf herumschwirrt.
Die unsichtbare Kahle sitzt im Schneidersitz auf dem, was vom Tisch noch übrig geblieben ist, und öffnet wieder ihr kleines Büchlein. Darin ist eine Zeichnung zu sehen von dem Gesicht einer jungen Frau, das dem der Kahlen gleicht. Im Kopf der jungen Frau verbirgt sich ein Wecker, und sie berührt mit dem rechten Zeigefinger und Daumen die Zeiger, so als würde sie sie festhalten wollen. Die Hände der Kahlen, die das Büchlein halten, verschwimmen wie in einem Traum, während Leo auf der Gitarre spielt.

Jetzt werden die Hände wieder schärfer, gehören nun aber zu den Armen einer jungen Frau, die das selbe Gesicht trägt wie die Kahle.

Ihres jedoch ist umrahmt von kurzem, kastanienbraunem Haar, bedeckt mit einer großen, orangeroten Wollmütze, abgetragen und verfilzt.
Es ist dunkel geworden, und sie ist allein am Elbstrand.
Mia sitzt in ihrem grünen Mantel in der Gabel ihres Lieblingsbaumes, lauscht der beruhigenden, fließenden Stille im Lebenssaft ihres uralten Beschützers und lehnt sich an die Kraft aus der Borke in ihrem Rücken.
Eine Gitarre erklingt aus dem Nirgendwo in ihren Kopf hinein, ganz, ganz leise. Ein kalter Windzug streift ihre Wange und drängt sich durch das V des Baumes hindurch auf seine Rückenseite.
Dort sitzt ein kahler junger Mann mit dem Gesicht von Leo und spielt auf seiner Gitarre. Obwohl es um die Null Grad kalt ist, ist er sommerlich gekleidet. Er trägt eine Jeans, ein weisses Hemd und grüne Leinenschuhe.

Sie kann ihn nicht sehen, doch sie singt zu den gezupften Harmonien…

„ich seh ganz klar dein Profil
verschwommen die Zeit
fliegt am Fenster vorbei
seh deinen Blick sich verliern
in weißen Streifen auf Asphalt
wie sie verschwimmen…“

Leo fröstelt es langsam. Er nimmt noch einen frischen tiefen Atemzug und beobachtet beim Ausatmen den verbrauchten Dunst seiner Lungen. Die Musik verklingt nicht, selbst als er zurück zum Wagen läuft. In seinem Geiste hört er die Harmonien weiterspielen. Er steigt ein, legt die Gitarre wieder auf den Rücksitz, schnallt sich an und schliesst die Tür.
Die Kahle erscheint wieder neben ihm, singt das Lied, als er anfährt und wieder auf die kaum befahrene Autobahn zusteuert…

„der höchste Gang dein Ziel
alle Sinne davon runtergefahrn
ich bin dir nur subtil
für dein Auge unsichtbar
deiner Seele nah

du siehst mich nicht
doch dein Licht erreicht mich
durch die Ferne all der Illusion
du weißt zu viel
willst immer mehr, und ich
ich sing dir in dein Ohr

kein Tag, kein Raum
kein Geist, kein Traum
kann mich noch trennen von dir
kein Seelenmantel und kein Zweifel
daran, wo ich jetzt hingehör
halt den Kopf an
spür den Einklang
schalt auf langsam
und dann fang an, zu lieben

du bist so müde vom Suchen
doch noch nicht müde genug
willst immer noch versuchen
ein bess´rer Mensch zu sein

kein Tag, kein Raum
kein Geist, kein Traum
kann mich noch trennen von dir
kein Seelenmantel und kein Zweifel
daran, wo ich jetzt hingehör

ich kneif die Augen fast ganz zu
so dass alles verschwimmt
mich mit auf seine Reise nimmt
auch wenn der Morgen noch tief ruht
und ein Traum verrinnt
in den Liedern, die er bringt

du hast gesucht nach mir
wie ich nach dir im Außen
und so haben wir uns verlorn
der Schlüssel liegt in dir
ich bin auch längst schon hier
wo Liebe waltet tief in mir

kein Tag, kein Raum
kein Geist, kein Traum
kann mich noch trennen von dir
kein Seelenmantel und kein Zweifel
daran, wo ich jetzt hingehör

meine Seele ist hier
sie sitzt gleich neben dir
es dauert nich mehr lang, dann
kommst du bei mir an
alle Zeichen dafür
führn dich zu meiner Tür
offen und bereit
für die Zeit zu zweit

mmh, sie hält uns den Kopf an
bringt uns in Einklang
schaltet auf langsam
und das ist erst der Anfang
dann kommen wir bei uns an
und das ist erst der Anfang…“
Immer wieder verschwimmt die Zeit und wechselt den Ort.
Die Kahle und Mia singen das Lied, die eine im Wagen auf der Autobahn, die andere in Hamburg an der Elbe.

Als Mia das Lied zu Ende gesungen hat, fröstelt es auch ihr, und sie denkt, dass es besser wäre, jetzt zurück nach Hause zu gehen.
Als sie durch den Sand stapft, wird ihr wieder wärmer, und sie lauscht auf das leise Wellenrauschen. Der Mond ist fast voll, und Mia betrachtet die kaum merklich treibenden Wolken, die ihr nur noch bewusster machen, wie unglaublich weit la Luna entfernt ist. Ihr Herz fühlt sich riesig an, obwohl sie, angesichts dieses endlosen Firmaments, weiss, wie klein sie doch eigentlich ist. Ein kleiner Mensch auf dem Weg nach Hause, in eine kleine Wohnung, in einer grossen Stadt.

Die Kahle beugt sich im Wagen zu Leo hinüber und pustet ihm liebevoll ins Ohr.
Er kratzt sich unbewusst die Ohrmuschel. Dann lächelt er friedlich in sich hinein und blickt auf die Häuser einer Stadt, die sich nun zu beiden Seiten leuchtend und blinkend auftut.
Hier herrscht tagsüber ein emsiges Streben. Nun aber geht der grösste Teil der Menschen langsam schlafen.
Leo überlegt, wo er diese Nacht wohl unterkommen soll, denkt an ein Mädchen, das in ihn verliebt ist, verwirft aber ganz schnell den Gedanken an sie, weil er nicht in sie verliebt ist. Er hat keine Lust mehr, falsche Hoffnungen zu wecken. Er mag auch keinen Bekannten anrufen und treffen, der ihn so kennt, wie er immer war, und ihn in eine altbekannte Konversation verwickeln könnte.
Irgendwo wird sich doch ein kleines Hotel finden. Da fällt ihm dieser Stadtteil ein, in dem es ihm einmal so gut gefallen hatte, als er eine Gastspielzeit lang am hiesigen Theater mitgewirkt hatte. Menschen jeder Couleur laufen dort herum, leben dort: Arme, Reiche, Zielstrebige, Verlorene, Durchgeknallte, Penner, Werber, Künstler, Lehrer, Leute, die auf einem Bauwagenplatz leben und mit dem Träcker herumfahren, Leute aus dem Westend, einer neu erbauten Siedlung, in der man sich in eine U.S.amerikanische Sitcom-Serie hineingebeamt fühlt… Das wäre genau das Richtige: noch einmal allein um die Häuser ziehen und in einer Eck-Kneipe sitzen, ein Paar Leutchen beobachten und danach in ein heimatloses Hotelzimmer gehen, die digitalen Zahlen auf dem Radiowecker anstarren, bis er einschlafen würde. „Das ist ein guter Plan“ denkt er.
Also fährt Leo rechts raus und folgt den Hinweisschildern Richtung Altona.


die Kunst zum Lied und Text:

Halt den Kopf an