Vogelperspektive: Kapitel 2

Kapitel zwei: Mia und Frau Rosenkranz

Frau Rosenkranz sitzt an einem warmen Sommernachmittag auf einer Parkbank, beobachtet die Kinder beim Spielen und redet in Gedanken mit ihrem verstorbenen Ehemann, wie sie es so häufig tut: „ach, Franz, wie schade, dass wir nie Kinder hatten. Es wäre mir ein Freude, wenn dies meine Enkelkinder wären, die dort so unschuldig lachen und miteinander spielen. Oder stell dir vor, sie wären sogar schon erwachsen. Wie gern würde ich mit meiner Enkelin spazieren gehen, die Enten füttern und mit ihr über die Liebe sprechen oder ihr zuhören, wenn sie von ihren Träumen spricht, ihr Mut machen, wenn sie verzweifelt ist oder ihr einfach nur ein Süppchen kochen, wenn sie eine Erkältung hat.“
Der Mann von Frau Rosenkranz war sehr früh gestorben, und sie hatte diese Tatsache nicht rechtzeitig akzeptieren können. Als sie sich nach über zehn Jahren Alleinseins neu verliebte, war ihre biologische Uhr längst abgelaufen. Zwar hatte sie noch einige schöne Kurzbeziehungen, jedoch war aus keiner von ihnen mehr etwas wirklich Ernstes geworden. Die Männer hatten ihr schon noch den Hof gemacht, aber sie hatte einfach nicht mehr die große Liebe in sich empfunden. Wer einmal davon gekostet hatte, gab sich nicht mehr mit weniger zufrieden. Und so verwandelte Annemarie Rosenkranz ihre unerfüllte Sehnsucht, einmal Mutter sein zu können, in eine berufliche Aufgabe. Die Witwenrente ermöglichte es ihr, nochmals zu studieren. Deshalb wurde sie mit fünfundvierzig Jahren noch einmal Grundschullehrerin. Sie hatte große Freude daran, die kleinen Wesen beim Wachsen und Lernen zu begleiten und war erst spät in Rente gegangen.
nun aber spricht Frau Rosenkranz im Geiste zu sich selbst: „Annemarie Rosenkranz, werd bloß nicht selbstmitleidig. Du hast ein so schönes Leben gehabt. Und wer hat überhaupt schon einmal im Leben das Glück wie du, der wahren Liebe zu begegnen? Selbst wenn der liebe Herrgott ihn nach wenigen Jahren gemeinsamer Lebenswonnen zu sich holte, weil er seine liebe Seele vielleicht woanders brauchte, so ist es doch besser, als wärest du ihm niemals begegnet… Ja, ich kann mich immer an meinen Erinnerungen erfreuen. Die kann mir keiner nehmen. Lieber Gott, bitte vergib mir mein Hadern. Ich danke dir für dieses Leben. Ja, es ist schade, dass ich keine Enkelin habe, aber auch so ist es schön, am Leben zu sein, hier auf meiner Lieblingsbank im warmen Sommerwind zu sitzen und den Kindern beim Spielen zuzusehen. Bitte gib Acht auf meinen Franz und führe mich zu ihm, wenn die Zeit dafür gekommen ist.“
So sitzt Frau Rosenkranz wieder zufrieden auf ihrer Bank und lässt sich von der Nachmittagssonne wärmen, als eine junge Frau ihren Koffer und eine sperrige, schwarze Tasche neben der Bank abstellt, sich ein wenig ermüdet niederlässt und Frau Rosenkranz als ihre Sitznachbarin begrüßt.
Da Frau Rosenkranz von Natur aus neugierig ist, fragt sie die hübsche junge Frau nach ein Paar stillen Minütchen, woher sie denn käme und was sie in Berlin vorhabe.
Und dann überrascht sie die Antwort der jungen Frau: „Ich weiß nicht, ich bin in Berlin geboren worden aber in Hamburg aufgewachsen.
Es hat mich schon oft hierher gezogen, weil hier eine Kraft wohnt, die ich immer spüren konnte, wenn ich einmal auf Besuch hier war.
Vor ungefähr einer Woche bin ich aufgewacht und wußte, dass es nun Zeit ist, zurückzukehren. Ich hatte einen Traum, in dem ich auf einem großen Dachboden gemalt habe. Ich möchte endlich Bilder malen, das habe ich mir als Kind schon immer gewünscht. Aber in Hamburg hatte ich so viele andere Dinge zu tun und bin nie wirklich dazu gekommen. Und Irgendetwas sagte mir, dass ich den Dachboden aus meinem Traum nur in Berlin finden würde. Dort, wo ich als Kind gelebt habe und diesen Wunsch hatte, Malerin zu werden. Im Winter wäre es natürlich zu kalt dafür, aber jetzt im Sommer ist es nachts warm genug, um auch auf einem Dachboden schlafen zu können. Ich möchte gar keinen Luxus sondern ganz reduziert leben in dieser Zeit. Es muss keine Wohnung sein, ganz im Gegenteil.
Wissen sie, ich habe ein paar Lieder geschrieben und dazu viele Bilder im Kopf. Ich möchte sie auch hier auf der Straße singen, um ein bisschen Geld zu verdienen. Deshalb dieser schwarze Kasten hier…“ Sie zeigt neben ihren Koffer auf die schwarze Tasche, die irgendeinen eckigen Gegenstand zu enthalten scheint. „Ich habe das Gefühl, dass diese Bilder meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit benötigen. Eine Stadt, in der ich mich seltsamerweise zuhause fühle, aber niemanden kenne, scheint mir ein geeigneter Ort für dieses Vorhaben zu sein, weil ich nicht abgelenkt werden kann.“
Die alte Dame wurde immer hellhöriger, denn sie selbst hatte so einen großen Dachboden. Und es rührte sie an, dass sich die junge Frau so mutig auf den Weg gemacht hatte, ihre Kindheitsträume zu verwirklichen: „Und sie wissen noch gar nicht, wohin?“ fragt sie. „Nein,“ antwortete Mia, „im Internet war nichts dergleichen zu finden, nur WG-Zimmer oder ganze Wohnungen. Da dachte ich mir, ich muss es einfach wagen, und der liebe Gott wird schon etwas organisieren. Das habe ich schon häufig erlebt. Wenn ich nur Vertrauen habe, geschehen Wunder.“
Die alte Dame lächelt in sich hinein und sagt: „Nun, mein Kind, dann sitzen wohl gerade Wunder und Wunder nebeneinander.“
Mia sieht sie fragend an, und dann lädt Frau Rosenkranz sie ein, mitzukommen und sich ihren Dachboden anzuschauen. Wenn es ihr nicht gefalle, so könne sie doch zumindest bleiben, bis sie etwas Geeigneteres gefunden habe. Mia nimmt freudig an und ist schüchtern beseelt, als sie den Boden betritt, denn es ist der Raum aus ihrem Traum. Und als sie aus dem Fenster sieht, erblickt sie den Fernsehturm, der für Mia immer schon ein Symbol für ihre Geburtsstadt gewesen war.
Die alte Dame holt das alte Federbett von ihrem Mann aus der Truhe auf dem Flur und gibt Mia geblümte Bettwäsche dazu. Sie trinken zusammen noch einen Pfefferminz-Tee in der Küche, bevor die junge Frau sich anschickt, die Treppen zum Raum ihrer Träume zu besteigen.
Mia wollte Frau Rosenkranz Miete dafür zahlen, dass sie ihr für den Sommer den hellen Raum zur Verfügung stellt. Doch Frau Rosenkranz wollte kein Geld von der jungen Frau. Geld ist ihr nicht mehr so wichtig.
Mia investiert stattdessen ihre Taler in Lebensmittel und kleine Freuden für die alte Dame. Sie kocht am Abend frisches Gemüse mit köstlichem Parmesan oder Ziegenkäse, den sie unter das heiße Farbengemisch mengt, so dass er sein ganzes Aroma verbreiten kann. Sie bringt der alten Dame Kuchen aus der Konditorei mit und kauft eine Espresso-Kanne, um morgens frischen Latte Macchiato machen zu können. Sie bringt Frau Rosenkranz immer jungfräuliche, noch halb verschlossene Rosen, wenn die alten verblüht sind. Was Frau Rosenkranz besonders rührt ist, dass Mia selbst die halb verwelkten Blätter noch von den Stängeln zupft und für einen Tag lang auf der Küchentischdecke verteilt. Sie kauft auch Kerzen ein, damit sie es abends schön gemütlich haben. Und als Frau Rosenkranz einmal mit Sternen in den Augen und einem zärtlichen Lächeln auf den Lippen davon erzählt, wie ihr Mann sie einmal im Monat in die Oper ausführte, kauft Mia auch ein Cd-Radio für die Küche, damit Frau Rosenkranz tagsüber Klassikmusik und Hörspiele hören kann.
Die alte Dame freut sich immer schon nach dem Aufwachen darauf, dass Mia morgens zum Duschen herunterkommen, für sie beide warme Haferflocken mit Äpfeln und Zimt zubereiten und diesen herrlich leckeren italienischen Milchkaffee kochen wird.
Es ist lange her, dass Frau Rosenkranz sich solche Dinge leisten konnte und noch dazu Gesellschaft am Küchentisch hatte. Die junge Frau interessiert sich für die Geschichten aus ihrer Jugend, so dass Frau Rosenkranz das Gefühl hat, in ihrem Leben doch noch eine Enkelin geschenkt bekommen zu haben.
In der ersten Nacht schläft Mia nicht lang. Sie fühlt sich verletzlich, so ganz im Unbekannten. Doch weiß sie trotzdem, dass ihr Gott-Vertrauen belohnt worden war. Hatte er sie doch zu einer warmherzigen alten Dame geführt, die nun ihr Zuhause mit ihr teilt.
Sie hat fast alle Sachen in ihrer alten Wohnung gelassen, wo ihre Katze und ihre beste Freundin darauf warteten, das sie irgendwann einmal zurückkommen würde. Vier der Skulpturen, die zugleich Frau und Engel waren, haben sie auf ihrer Reise begleitet. Deshalb ist ihr Koffer auch so schwer gewesen, denn viel Kleidung hatte sie gar nicht eingesteckt. Es wird sich in Berlin schon ein Secondhandladen finden, in dem sie noch eine Jeans und ein paar Blusen entdecken kann. Sie wickelt die Engel aus den Anziehsachen, in die sie sie zum Schutz eingehüllt hatte, und verteilt sie auf dem Boden. Außerdem verstreut sie Zeichnungen von Bild-Ideen als zukünftige Inspirationsquelle auf dem Fußboden.

Sie träumt von ihrer Katze und erwacht mit einem Schnurren in den inneren Ohren.
Und als sie ihre Augen aufschlägt, geschieht etwas mit ihrem Zeitgefühl.

Erdengel mit gebrochenem Flügel

Engel mit gebrochenem Flügel

Das ist also ihr neues Zuhause.