zwischengeschobene Worte nach Kapitel Zwei

Guten Augenblick, liebe Leserin, lieber Leser,

hier spricht noch einmal die Erzählerin. Eigentlich wollte ich die Geschichte gar nicht mehr unterbrechen, doch mir fiel ein, dass ich ja noch gar nicht erläutert habe, warum der Bucheinband den Titel „Vogelperspektive“ trägt. Ich dachte auch, dass dies gar nicht notwendig sein würde, doch heute morgen geschah etwas, dass mich so aufgeregt machte, dass ich nun nicht anders kann, als es Dir mitzuteilen.
Ich weiß nicht, ob Du es schon wusstest, aber die Spatzen sind fast aus manchen Großstadtbildern verschwunden, weil es immer weniger kleine Spalten in den neu erbauten Häusern der Menschen gibt, in denen sie nisten könnten. In Berlin sind sie noch häufig anztureffen, in Hamburg eher selten.
Sie sind also fast ausgestorben, und ich möchte an dieser Stelle von einer Organisation berichten, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, kleine Spatzenreihenhäuser zu bauen.
Ist das nicht eine niedliche Idee? Wer weiß, vielleicht wirst Du ja meine Geschichte ganz bis zum Ende lesen und dann eine kleine Figur aus der Erzählung so in Dein Herz geschlossen haben, dass Du gar nicht anders kannst, in das gesicherte Überleben einer gefiederten Zwergenfamilie zu investieren. In Deiner nächsten Steuererklärung könntest Du dann vielleicht sogar Spendengelder für kleine Großstadtvögel geltend machen, statt von Briefkastenfirmen zu träumen ;-). Und dies würde Dir nicht nur ein graubrauner Kanarienvogel-verwandter danken, nein, auch Deine eigenen Lungenflügel wären ganz sicher hocherfreut, gesetzt den Fall, du müsstest für das Spatzenhäusle auf das Rauchen verzichten.

Nun zu meinem mitteilenswerten Erlebnis:
Ich habe heute sehr lange geschlafen. Eigentlich wollte ich gestern früh ins Bett gehen, weil ich doch einige geschäftige Wochen absolviert hatte und tagsüber ganz schön in den Seilen hing. Doch kaum war ich zuhause angekommen, riefen die Tasten schon wieder fordernd nach mir, und ich saß mit meinem selbstgekochten Brokkoli sofort wieder davor. Es wurde zwölf Uhr nachts, ehe ich den letzten Punkt machte und das zweite Kapitel beendete.
Jetzt am Morgen bin ich, wie sonst auch, eher langsam, denn solange ich noch mit einem Teil meiner Wahrnehmung in fernen Traumwelten schwebe, vergeht die Zeit mindestens drei Mal schneller als in dem Land vor meiner Haustür. Ich liebe es, dieses pure Daseinsgefühl in der morgendlichen Stille auszukosten. Ich schaue meinen langsam erwachenden Gedanken still und ruhig zu und bereite mich auf die geschäftige Außenwelt vor.

Ich ermahne mich jetzt also, trotz meiner morgendlichen Trance, nicht zu sehr abzuschweifen, damit Du auch ganz schnell in der Geschichte weiterlesen kannst…
Vor circa einer halben Stunde machte ich also meine Augen auf und schaute durch einen Spalt, der zwischen den zugezogenen, schweren, ockerfarbenen Vorhängen am oberen Teil meines Schlafzimmerfensters, einen winzig kleinen Blick auf das gegenüberliegende Dach eines Altbaus freigab. Und was sah ich dort?
Spatzen! Sehr viele Spatzen! Obwohl ich die in meiner Wahlheimat Hamburg so selten sehe.
Sie tanzten ganz aufgeregt herum, und es schien mir, als begrenzte sich diese kleine Schneeparty auf den winzig kleinen Abschnitt des Daches, den ich durch den Spalt zwischen meinen Vorhängen sehen konnte, so als wäre er ein Theatervorhang und ich die einzige Zuschauerin. Kaum war ich aus dem Bett aufgestanden und ins Wohnzimmer gegangen, um diese Zeilen zu schreiben, sah ich nochmals aus dem Wohnzimmerfenster. Da waren sie nicht mehr da.
Ich verstehe dies als eine Aufforderung zum Weiterschreiben, ein Zeichen aus einer anderen Welt, die alle Menschen in ihren Träumen bereisen können, auch wenn sich viele Menschen nicht an ihre Träume erinnern. Es gibt genug Menschenkinder, die sich erinnern und morgens genügend Zeit übrig haben, um in den wach gebliebenen Bildern die Zeichen für den Tag zu erkennen.
Die Poeten und Märchenerzähler bringen von ihren Traumreisen sogar ein Souvenir der besonderen Art mit. Sie erhielten dort das leuchtende Buchstabengarn, aus dem sie Gedichte und Märchen weben. Und so haben selbst Menschen, die sich selbst nicht an ihre Träume erinnern, Zugang zu diesen Welten. Sie brauchen bloß ein Buch in die Hand zu nehmen und darin zu lesen.
Also werde auch ich nun meiner Aufgabe gerecht und erzähle nun jenen Teil der Geschichte, in dem der kleine Gregor das zweite Mal erscheint.