Vogelperspektive; Kapitel 3

Glockenblumen / wo du jetzt bist


Der Tag vergeht wie im Flug. Mia erkundet die Nachbarschaft, besorgt sich ein Skizzenbuch und Bleistifte, kauft Blumen und ein paar Lebensmittel ein und klärt mit Frau Rosenkranz, wo sie ihre Wäsche waschen und aufhängen kann. Dann gehen die beiden noch spazieren und kehren am späten Nachmittag in die Wohnung zurück, wo sie sich das Abendessen zubereiten und ein wenig unterhalten. Als Mia beschließt, wieder nach oben zu gehen, gibt Frau Rosenkranz ihr einen Zweitschlüssel, verabschiedet sie mit einem warmherzigen Lächeln und widmet sich wieder ihrem guten Krimi.

Die Abendsonne scheint weich durch das schräge Dachbodenfenster hinein und spielt mit Staubgalaxien.

Das Fenster zeigt hinaus auf den Hinterhof. Ein großer alter Baum ist von zwei ungeschminkten Häusern umgeben, von denen die Nachkriegszeit herunter bröckelt und verdrängte Narben im Stein offenbart.

Mia hat sie immer schon gemocht. Häuser, die erzählen, was wir vergessen haben. Und die Hinterhöfe haben in Berlin meist mehr Geschichten parat, weil kein Neuanstrich die alten, vergreisten Fresken verschleiert, so wie das bei vielen Fassaden zur Straße hin der Fall ist, wenn denn die Eigentumsverhältnisse geklärt und die Investitionen getätigt sind.

Das Haus gegenüber ist leider ganz zerbombt und nie wieder aufgebaut worden. Andererseits ist so zu einer Hofseite hin der Blick in die Ferne möglich. Dort hat man nach dem Krieg lediglich ein Paar Garagen errichtet. 
Mias Zeichnungen und Notizen liegen, wie verweht von dem Sturm, der einst durch ihr Herz gefegt war, in einer ganz speziellen Ordnung wild herum.
Der unsichtbare junge Mann liegt auf dem Boden, stützt seinen Kopf mit den Händen ab und liest in dem geöffneten Notizbuch ein Gedicht, zu dem es auch ein Lied gibt.

Glockenblumen

leg das Bild von mir mal beiseite


beschreib ne leere Seite mit
 leeren Worten


weiß wie Papier, jede Farbe enthalten


und nicht zu verhalten


schwarz wie die Lettern
… gewürfelt


eins im Zufall


fällt das Glück den Rhythmen zu


und Pausen, sie haben die größte Bedeutung


dort blühn die Glockenblumen
oh, ich glaub, ich glaub, ich fang an


oh, ich glaub, ich glaub, ich hör auf


weder neu noch alt
, nichts wie´s scheint


es ist, wie´s ist
kann der Sog der Zeit den Tag verschlingen


so des nachts ein blinzelnder Blick nach innen


die Weite wiederbringen, ich
 muss nur weitersingen


wenn ich mich nich müh
, kann der Mann im Ohr endlich rasten


und ich spring in den Uhrkasten


der Wolf sieht nie nach, woher er kam


dort läuten die Glockenblumen
oh, ich glaub, ich glaub, ich hör auf


oh, ich glaub, ich glaub, fang an


weder neu noch alt
, nichts wie´s scheint


es ist, wie´s ist


es ist, wie´s ist
das Leben ist ein Spiel
, ich wander ohne Ziel


Illusionen plakatiert am Wegesrand


der Seifenblasenknall, er wartet überall


halt mich, ich will nichts mehr


Zündschnur zum Sternenmeer
oh, ich glaub, ich glaub, ich fang an


oh, ich glaub, ich glaub, ich hör auf


so lebendig wie noch nie


erwacht aus der Narkose spür ich meine Knie


jetzt oder nie


Sie schaut aus dem Fenster über die Garagen hinweg den Sonnenstrahlen zu, wie sie durch die Wolkendecke hindurch brechen und zarte Linien in den Himmel malen.

Und dann nimmt sie langsam ihren eigenen Körper wieder wahr, kehrt mit ihrer Atmung bewusst in ihn zurück, konzentriert sich auf ihr Herz und ihren Hals, in dem eines ihrer Vorstellungs-Werkzeuge schwebt. Sie hat einige dieser Werkzeuge in ihrem Inneren, die ihr die Bilder auf der inneren Landkarte zeigen, bevor sie eine materielle Form annehmen, ihr aber auch helfen, praktisch mit ihrer Hochsensibilität umzugehen und in rauher Umgebung zurechtzukommen.

In ihrem Herzen zum Beispiel schwebt ein goldener Ring. Der kann sich so schnell um die eigene Achse drehen, dass aus ihm ein goldener Ball wird. Und dieser sendet Strahlen in ihren Bauch hinein, die ihr Kraft geben, wenn sie unsicher ist. Es ist immer Übung, sich an den Ring zu erinnern, aber sie wird immer besser darin, zu üben, ihn mit den eigenen Gedanken anzustoßen. Das kann man sich am ehesten so vorstellen, wie wenn man mit dem Daumen und dem Zeigefinger einer Münze einen gezielten Stups gibt, damit sie sich ganz schnell dreht. Der Ring in Mias Herz braucht nur einen Gedanken und Vertrauen, dann dreht er sich in schwindelerregender Schnelligkeit. Je öfter sie ihn anstößt, desto größer wird ihr Vertrauen.
Sie zieht den feuchten Geruch der alten Dachgiebel in ihre Lungenflügel hinein, als wäre es der salzige Duft des Meeres.
Ein blauer Kristall in ihrem Kehlkopf fängt – ebenfalls durch ihren inneren Fokus angetickt – an, sich zu drehen, routiert immer schneller um eine Achse, die von zwei Polen gehalten wird. Einer der beiden Pole sitzt zwischen Mias Augenbrauen, der andere ist ein weißer Mittelpunkt in ihrem Herzen, der von dem goldenen Ring umrahmt wird. Wenn Mia aufmerksam ist und nach innen in ihr Herz hineinsieht, erkennt sie, dass der weiße Mittelpunkt die Form eines Samens hat.


Forscher haben einmal gemessen, dass er einundzwanzig Gramm wiegt, dieser Samen. Aber das ist ihr nicht so wichtig. Sie weiß nur, dass er da ist, und dass jeder Mensch so einen Samen in sich trägt.

Mit Hilfe des Kristalls in ihrem Kehlkopf formt ihr Körper eine ganz eigene Art von Ton, wenn sie sich erlaubt, zu singen.

Da spürt sie, wie an jedem Morgen, ein Kribbeln in ihren Händen, als gäbe es eine magische Verbindung zwischen ihren formgebenden Grenzen und dem Raum, der die wellenartigen Vibrationen, durchdrungen von innerem Licht, transportiert.
 Man kann es auch ganz sachlich benennen. Alles besteht aus Frequenz, selbst Materie aber auch das Licht. Diese Frequenz ist das geheimnisvolle Verbindungsstück aller Seinsebenen, selbst die Zeit hängt damit zusammen. Die Magie darin ist so komplex, dass das analytische Denken nie ausreichen könnte, es zu erfassen.

Die Menschen halten sich gern an dem fest, was sie sehen können.

Selbst wenn es eigentlich um die unsichtbaren Töne geht, die mit ihrem Klang Worte und deren Bedeutung transportieren, so wollen die Menschen immer gern jemanden dazu sehen, der ihren Augen eine Wonne oder doch zumindest ein Kuriosum wäre. 
Doch gibt es beim Zuhören ein Geheimnis, das sich dem ein oder anderen vielleicht schon einmal offenbarte:

Es geht bei einem intensiven Hörerlebnis nicht so sehr um das Wahrnehmen der Außenwelt und deren Äußerlichkeiten sondern um die Sinne, die im Inneren aktiv werden. Denn hört man mit dem inneren Körper nach außen, kann man Sinneserlebnisse von außen ganz anders in sich aufnehmen. Alles verschmilzt miteinander, und das beste Anzeichen dafür, dass es bei Mia schon lange so ist, ist dieses Kribbeln in den Handtellern. Das hat sie immer, wenn etwas Schönes mit ihr geschieht. Genauso wie die Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke hindurch scheinen können, kann ein Ton alle scheinbar festen Formen durchdringen und sie in Schwingung versetzen. Selbst Gehörlose spüren den geheimnisvollen Ton und können ihr ganzes Leben von ihm leiten lassen.
Ohne zu greifen, können Mias Hände wahrnehmen, wie das Leben in ihrer Mitte hindurchrauscht. Es brutzelt kitzelnd in ihrer rechten Hand, als diese nun das kleine Fenster über den Dächern einer Stadt öffnet, die ihr noch fast vollkommen fremd ist, und doch nicht weniger bekannt als der Rest der Welt. Denn sie ist aus der selben Substanz gemacht, wie alle anderen Städte auch.

Es ist nur ihre Befindlichkeit, die differenziert wahrnimmt, wo genau sie ist.
Die Wahrnehmung ist immer geknüpft an die Erwartungshaltung. Wenn sich diese ändert oder öffnet, wird auch das Erleben sich ändern und öffnen. Es ist leichter, wenn man dafür den Ort wechselt, aber eigentlich kann man die Erwartung ja überall verändern. Aus der Annahme heraus, etwas Wunderbares in ihr Leben zu lassen und die Bilder zu malen, die sie in sich trägt, nimmt Mia die Umgebung so unverbraucht wahr, und gestattet sich selbst, eine neue Mia zu sein in einer neuen Stadt. Das ist der Grund, warum sie hierher gekommen ist und die eigene Geschichte und ihre gewohnten, sicheren Strukturen verlassen hat. Sie möchte leben wie nie zuvor, sich selbst überraschen. Sie ist entschlossen, ihrer eigenen Geschichte ein neues Kapitel hinzuzufügen. Sie möchte die alten Kapitel für eine Weile geschmökert sein lassen und vergessen, dass sie darin gelesen und die Zusammenhänge verstanden hatte.

Nicht verdrängen, sondern vergessen, denn da besteht ein Unterschied.
Wenn sie etwas, das sie lähmt und traurig macht, eine Weile in ein Kästchen steckt und das Kästchen verschließt, vergisst sie den Inhalt, nicht aber den Schlüssel zum Kästchen. Den kann sie eines Tages wieder hervorkramen, um das Kästchen zu öffnen. Dann hat sie sich aber weiterentwickelt und sieht den Inhalt vielleicht mit ganz anderen, distanzierteren Augen.
Durch das Vergessen des Kästchen, kann sie wieder zur eigenen Unschuld zurückfinden, denn das Vergessen ist anders als das Verdrängen.
Das Verdängen haftet an der Vergangenheit, es blubbern ständig Erinnerungen hoch. So wie der berühmte rosa Elefant, an den man nicht denken soll. Verdrängen erschafft eine Mauer im Inneren. Wenn diese Mauer dich oft genug daran gehindert hat, voranzukommen, entsteht ein Bedürfnis, sie wieder zu entfernen. Jeder Mensch fürchtet und sehnt sich zugleich nach der Freiheit. Deshalb kann man natürlich versuchen, zu analysieren und aufzuklären, was für Mechanismen zur jetzigen Situation führten. Allerdings birgt das gedankliche Auseinandersetzen auch Grenzen.
Die alten Mauern können nicht fallen, wenn man ihre Steine nur mit dem Verstand abbauen möchte. Das geht nicht. Es sei denn, man möchte zu einem Kontrollfreak werden, der die Lebenskurve flach und kalkulierbar hält – doch aus so jemandem fließt keine freie Kunst heraus sondern eher eine konzeptionelle Art von Kunst, die ja auch ihren Reiz haben kann. Das heißt also, dass es durchaus auch Kontrollfreaks unter den Künstlern gibt. Aber Mia ist nicht daran gelegen, sich mit anderen zu vergleichen. Sie verliebt sich zwar meist genau in diese Leute, weil der Samen im Herzen durch alle Barrieren hindurchleuchtet und die Schönheit offenbahrt. Doch sind es halt oft jene Männer, die Gefühle nicht aussprechen, die ein Geheimnis haben. Geheimnisse fand Mia immer schon spannend. Dass das viel mit ihrem Vater zu tun hat, weiß sie. Ändern lässt es sich aber nicht, egal, ob sie es weiß oder nicht. Sobald sie jemanden berührt, kann sie das Leuchten fühlen und liebt das Unbeschreibliche. Das natürliche Bedürfnis entsteht, diese Liebe zu zeigen und dem gegenüber zu spiegeln, wie schön das ist. Aber das erschreckt vor allem jene Menschen, die ihre inneren Mauern etabliert und im Außen eine perfekte, kontrollierbare Welt erschaffen haben.

Es gibt ja viele Wege, sich selbst vom Unbewussten abzulenken und eine bestimmte Lebensart zu etablieren, die Struktur und emotionale Unabhängigkeit von anderen schenkt. Mia selbst ist Meisterin darin, niemanden an sich heranzulassen. Nicht mehr. Es macht ja auch Sinn, nicht von einer Liebeskrise in die nächste rasseln zu wollen. Das macht auf Dauer nur müde. Ein gewisser Abstand kann durchaus gesund sein. Aber stets nur Abstand zum eigenen Erleben in Liebesdingen zu haben, ist irgendwie auch sinnlos. Es käme einer Sackgasse gleich, spräche man in Bildern. Aber die Zeit steht ja nicht still, die tickt weiter.
Mia hält andere von sich fern, indem sie in intimen Momenten zu viel unwichtiges Zeugs daher redet. Sie weiß das auch und nimmt sich vor, das nächste Mal zu schweigen, doch leider fühlt sie sich dann doch nie sicher und geborgen genug dafür.

Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass die Menschen sich keine Zeit mehr nehmen, einander wirklich kennenzulernen. Der schnelle Konsum hat wie eine Krake seine Tentakel in alle Lebensbereiche ausgestreckt. Diese schöne Stille am Morgen ist Mias höchste Intimität. Die kann sie nur gemeinsam aushalten, wenn sie sich auch sicher fühlt.

Ein Garten mit einem alten Baum in einem fernen Land auf einer Reise ohne Ziel wäre vielleicht ein Ort, an dem zwei Menschen gemeinsam in eine Richtung schauen könnten, die in ihren Mechanismen feststecken. Doch ein Stadt-Bett zwischen zwei Mauern ist umgeben von dem Alltag, in den man nach der Berührung wieder zurückfinden muss – ohne den Halt des anderen. Also mussman den Halt in sich selbst behalten. Es ist ein zweischneidiges Schwert mit der Intimität, wenn man hinterher doch wieder alleine ist hinter der eigenen Mauer. Im Gepäck eine neue Erfahrung, einen Blick auf den leuchtenden Kern eines anderen erhascht zu haben, ohne einen weiterführenden Sinn. Natürlich könnte sie wie zuvor versuchen, dieses Erlebnis zu wiederholen, den Kern noch näher kennenzulernen, aber das geht eben nicht, wenn die Mauer nicht bröckelt. Jeder Mensch hat einen freien Willen. Und wenn man jemanden wirklich gern hat, akzeptiert man seine Entscheidung und lässt ihn los. Das impliziert auch die eigene Person.
Mias innerer Wunsch nach Freiheit ist nun größer als das Bedürfnis, jemandem nahe zu sein, der sich selbst das nicht erlauben möchte.

Mia ist nicht der Typ Mensch, der in das Lebenskonzept eines anderen Menschen hineinpasst. Eigentlich ist es meist daran gescheitert, dass die inneren Welten sie scheinbar unberechenbar für einen Außenstehenden machen. Jemanden, der Angst hat, zu vertrauen, kann das irritieren. Woher soll er denn auch wissen, was für eine treue Seele sie ist, wie bedingungslos sie bereit wäre, eine gemeinsame Ausrichtung zu finden. Zudem hat Mia ihr inneres Kind am Leben erhalten. Nicht jeder findet es sexy, wenn eine Frau sich kindlich über Kleinigkeiten freuen kann. Woran auch immer es liegen mochte, dass die Liebe ihr nur Kummer brachte, es war nun genug davon. Dazu dürfte es niemals kommen. Ihr Wunsch nach authentischer Freiheit ist wohl stärker. Er ist alles, was jemals übrigblieb von ungesunden Beziehungen.
Mia hatte begriffen, dass sie nicht für die inneren Mauern anderer Leute zuständig ist, egal wie lieb sie jemanden vielleicht hat oder haben könnte, wenn sie sich trotz der Mauern auf sie einließe. Das bedeutet aber nicht, dass sie ihre eigenen Barrieren nicht abbauen konnte.
Die freie Kunst braucht ein Meer aus gelebter Unbewusstheit, und sie braucht vor allem den Mut, sich auf das Unbewusste einzulassen, ohne ihm Namen geben zu wollen. Wer in gewohnter Umgebung den Mut aufbringt, dies zu tun, ist bewundernswert. Mia konnte das nicht. Deshalb ist sie hier.

Es war ein letzter, fast schon taub erspürter Liebeskummer, der ein Loch in die Mauer riss und ein Guckloch freischlug. Alles nur kein Abstumpfen!
Mia hatte sich jahrelang intensivst mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt. Doch die Schleifen wurden dadurch nicht verändert. Der Zeitpunkt war gekommen, sich zu gönnen, loszulassen, was hinderlich war. Mia war bereit, eine neue Seite an sich zu entdecken, die diese Beziehungsmuster nicht mehr brauchte, um sich selbst beim Lieben (oder sollte man sagen Leben?) wahrzunehmen. Was war denn das Leben wenn nicht die Liebe?
Es musste eine andere Form von Liebe geben. An anderen Menschen beobachtete sie diese. Und daran konnte sie sich nicht satt sehen. Es gibt Partnerschaften, die beide Partner stärken und eine Konstante bilden. Aber diese Konstante kann nur stärker werden, wenn sie aus zwei einzelnen Konstanten entsteht, die parallel weiter laufen und sich immer wieder treffen. Dann entstehen Schnittpunkte, die aufleuchten und den parallelen Konstanten neuen Schub und Freude injizieren. Das ist gegenseitige Bereicherung. Genau das wünscht sich Mia. Aber es kam nicht zu ihr, was sie auch versucht hatte.
Sie liebte nun allgemeiner, die Menschen an sich – wenn man so will. Sie ergab sich in ihr Schicksal, was ihre frühen Prägungen in Beziehungsdingen anging. So war es eben. Warum sich dagegen sperren?
Aber nun ist es eine bewusste Entscheidung, dass sie freiwillig eine Weile nicht mehr dahin sieht, was nicht da ist und stattdessen mal etwas tut, was gut für sie ist.
Mia möchte erst lernen, mit der Angst vor ihrer eigenen Größe zu leben, sie nicht als Türsteher sondern als Botschafter zu verstehen. Und das wird sie tun, wenn sie sie malt. Sie weiß es ganz genau. Ihr ganzes Leben lang hat sie sich davor gedrückt, weil ihre Eltern das an ihr nicht verstanden und es irgendwie auch sonst niemanden gab, der sie da gefördert hätte. So als hätte sie dafür nicht die Legitimation.
Sie hatte einen Film über Paula Modersohn-Becker im Kino gesehen. Der Satz, der nach diesem cineastischen Erlebnis in ihr auftauchte war:
„niemand kann ein Künstler sein, wenn er nicht geliebt wird, wenn er niemanden hat, der an ihn glaubt.“
Vor allem als Frau ist in diesem Satz viel Wahrheit angesiedelt. Aber noch niemals zuvor war es für eine Frau so leicht, diese Barriere zu durchbrechen. Die Emanzipation ist zwar nur oberflächlich vorhanden und birgt vor allem emotional viele Fallen für Frauen, aber man darf zumindest heute davon sprechen, dass man Künstlerin ist, ohne dafür offen ausgelacht zu werden.
Es hatte lang gedauert, bis sie für sich allein diesen Glauben an sich selbst fand, eigentlich war sie noch am Anfang dieser Entdeckungsreise. Es war ein großer emotionaler Kraftaufwand, diesen Glauben zu entwickeln. Eigentlich war es die bislang größte Aufgabe, die sie zu bewältigen hatte.
Ihr Aufenthalt in Berlin war offiziell ein Job. Ihre Eltern hatten keine Ahnung von ihrem Vorhaben. Sie hielt es geheim. Sie wollte mit niemandem außer mit ihrer besten Freundin darüber sprechen. Und das auch nur einmal in der Woche. Sie waren für jeden Samstag Abend zum Telefonieren verabredet.
Erst einmal aber wollte sie von dieser Sehnsucht nach einer gemeinsamen Konstante mit einem potenziell männlichen Pendant nichts mehr wissen. Sie wusste zwar, dass es ihn gab – irgendwo da draußen, aber sie wollte nicht mehr nach ihm Ausschau halten.
Selbst von ihm wollte sie Pause machen. Es gab nur Eines, was sie auf dem Zettel hatte: Sie wollte sich erlauben, groß zu malen und sonst gar nichts.

Das war genug für einen Sommer.
Es macht Angst, zugleich mit der Verletzlichkeit der eigenen Unschuld zu leben, doch geht man durch sie hindurch, diese große schwarze Ungewissheit, wird die Angst zur Kumpanin. Die Sehnsucht, die ist eine Halunkin, und es wird Zeit, sich von beiden zu emanzipieren.

Wenn Mia die Angst gefunden und die Sehnsucht verwandeltbhat, kann die Erinnerung eine ganz andere Form annehmen.

Mia hat sich von einer inneren Stimme an diesen Ort dirigieren lassen. Interessanterweise ist sie in die Stadt zurückgekehrt, in der die Geschichte begann, die sie vorerst zu den Akten legte. Nun wurde angeknüpft. Dort nämlich, wo sie vor dreißig Jahren geboren wurde.

Berlin hat sich sehr verändert, seitdem sie das letzte Mal als Kind auf Besuch hier war, und sie dachte nicht, dass sie sich wieder daran erinnern würde, wie es war. Doch diese rohen Wände weckten ein uraltes Gefühl in ihr. Nur jetzt war es nicht mehr verbunden mit dem Eingesperrtsein, das sie noch aus ihrer Kindheit mit Ostberlin verknüpft hatte. Damals waren alle Häuser voller Trabantenruß. Es roch überall nach Kohle und verdrecktem Asphalt, und eine Essenz dieses Geruches war immer noch da und weckte schlafende Erinnerungen in ihrem Unterbewusstsein auf. Mia musste kein Grenouille sein, um ihn wahrzunehmen, diesen Geruch, und ihn von der klaren Hamburger Luft, mit der ihre Lungen aufgewachsen waren, zu unterscheiden.

Hier in dieser Stadt waren einst ihr Vater und ihre früheste Freundin gefangen, während sie nach den Sommerferien zurückkehren musste in die Freiheit des kapitalistischen Systems, vor dem die Schüler hier im Prenzlauer Berg einst so gewarnt wurden, wie es ihr die Freundin berichtet hatte. Sie haben die Kinder sogar unterrichtet, dass im Westen Babies für Versuche benutzt würden.

Weil Mia nicht auf eine solche Schule gehen sollte, um nicht „sozialistisch verstrahlt“ zu werden, ging sie die ersten vier Schuljahre in einem Kaff bei Hamburg zur Schule und war eine träumende Einzelgängerin. Fremd war sie, wie viele Exilkinder dies wohl kennen, in beiden Welten. Und das Fremdsein, dass man ihr an der Nasenspitze ansah, untergrub die volle Integration.

Nun atmet sie hier einen Geist ein, den sie nie ganz vergessen hatte. Es hat nichts von einer sicher verankerten Geborgenheit, es ist eher genau das Gegenteil davon. Es treibt dich voran und in die breiten Straßen hinaus.

Da draußen fängt es an, zu dämmern, und sie weiß, dass diese Stadt ihre uralte Hand auf sie legen wird, wenn sie auch heute Nacht wieder die breiten Alleen entlang gehen wird, um sich treiben zu lassen. Es scheint, als würde die Stadt es genießen, sie nicht festzuhalten. Als könnte Berlin das selbe Kribbeln spüren, wie ihre Hände es können, wenn sie sich dort gleiten lässt, getragen von der Kraft, die in einem Umkreis um sie herum die Luft zum Vibrieren bringt; die selbe Kraft, die, wenn sie singt, ihren Körper in Schwingungen versetzt und Staubpartikel tanzen lässt.

Dieses Singen war eigentlich ihr größtes Geheimnis. immer wenn sie auf einer Bühne stand, war es ihr unangenehm. Es fühlte sich gar unnatürlich an, die andere, wahrlich sichtbare Ebene, durch die es hinten stehenden Zuschauern möglich wurde, sie zu betrachten, zu betreten. Sie fühlte sich durch die Grenze zwischen beiden Ebenen abgeschnitten von ihrer menschlich gleichwertigen Natur. Was Leo im Überfluss hatte, hatte sie definitiv viel zu wenig. Zumindest dachte sie das einmal. Heute weiß sie, dass die Musikwelt ein falsches Schwimmbecken zum Eintauchen war, Haie hin oder her. Wenn sie auf der Straße performte, während sie Teil ihrer eigenen Installation war, war dieser Widerwillen verschollen und wich einem Gefühl, am richtigen Platz zu sein. Mia war nicht auf die Welt gekommen, um sich beklatschen zu lassen.

Soll ich einmal von einem natürlichen Klatschen erzählen?

Bei Nacht, da klatschen die schwärmenden schwarzen Punkte dem Staub auf seine rechte Schulter und übernehmen die schöne Dunkelheit, entführen sie in ihre Drehungen in das Licht der Straßenlaternen hinein.

Ist es das, was es braucht, um, laut Chaostheorie, durch einen Flügelschlag eines Schmetterlings einen Wirbelsturm auszulösen?

Diese Friedlichkeit inmitten der lärmenden Großstadt, die niemals ganz zu schlafen scheint?
 Intimität ohne Angst.

In der Ferne sieht sie wieder den Fernsehturm, den sie als Kind in ihrem Inneren immer Fernwehturm genannt hatte, denn ihr Vater war dort einmal mit ihr hingegangen, und sie hatte sich die ersten Jahre im Westen sehr nach ihm gesehnt.

Nun hat sie eine ähnliche Aussicht wie sie sie damals als kleines Kind vor dem Tag der Ausreise gehabt haben musste, und sie überlegt, ob der Fernsehturm so heißt, weil man ihn aus der Ferne betrachten, oder weil man auf ihm in die Ferne hineinsehen kann.

Sie steht hier auf dem verstaubten Dachbodenfußboden und denkt bei sich, wie interessant es doch wäre, zu erfahren, wie viele Jahre lang dieser Staub schon hier liegt. Sie hat noch nie darüber nachgedacht, ob Staub Geschichten erzählen könnte, wenn man ihn fragte.
„hallo, Staub“, sagt Mia. „darf ich mit Dir tanzen?“

Da nimmt sie ihren Ipod aus der Außentasche ihres Koffers, steckt sich die Earplugs in die Ohren und macht eines ihrer eigenen Lieder an, das den Namen „wo du jetzt bist“ trägt.
wo du jetzt bist

wo du jetzt bist
wo du jetzt bist ist garnicht mehr wichtig denn   

da wo ich suchte, wenn ich dich suchte  
wo ich auch sonst noch suchen würd nach dir,

könnt ich nichts finden, denn es ist schon hier
ich hör jetzt auf, zu suchen und hör in mich rein
ich hör jetzt hin, wenn ich sing, ganz egal, wo das hinführt.

dur, moll, schüchtern, liebestoll.

ich geh jetzt mit jedem Schritt, ganz egal, wo das hinführt.

bergauf, bergab und eben

es gibt nur dieses eine Leben
übe mich im Verzicht, erleichter das Gewicht auf meinem Rücken
und wo ich jetzt bin, ist gar nicht mehr wichtig und    

auch, wo ich sein werd irgendwann

denn überall sonst noch wo ich suchen würd nach mir

könnt ich nichts finden, denn es ist schon hier.

die Thesen verhalln im Sein und ich lass sie gehn

die Worte verschwimm im Regen und ich laß mich dort stehn.

hör auf, zu streben. nach vorn sehn ins Leben. 

geb es auf, mich umzudrehn
zwing mich nicht mehr, zu verstehn

schelt mich nicht mehr, zu bestehn

laß es nur geschehn
ich geh einfach durch all die Mauern

an denen die alten Schatten kauern – ich lass sie nich nochmal allein

und ich hüpf auf Steinen, ich stör mich an keinem

und lass sie da liegen, mitten im Weg

ich hör jetzt hin, wenn ich sing, ganz egal, wo das hinführt.

dur, moll, schüchtern, liebestoll.

ich geh jetzt mit jedem Schritt, ganz egal, wo das hinführt.

nah, weit, raffe mein Kleid
so nur kann die Liebe mich finden und mich an sich binden

egal, wo das hinführt
Der beschwingte Rhythmus erfasst ihre baren Füße, und sie tanzt allein und von dem unsichtbaren Kahlen beobachtet den Staubtanz im Licht.

Sie lässt sich ein auf das, was von ganz allein mit ihren Füßen geschieht, und so kann sie eine weiße, jungfräuliche Seite sein, wie der frische Schnee, auf dem ihre tanzenden Füße Spuren der Freude hinterlassen.

Nach einer Weile dreht sie die Lautstärke herunter, bis die Stille im Raum wieder in den Vordergrund tritt, und legt den Mp3-Player zurück neben den Koffer. Sie geht in die Mitte des Raumes, legt sich in die verwehten Notizen und Skizzen hinein und fängt an zu lächeln, als die Musik in ihr wieder zu spielen beginnt. Allerdings hört sie jetzt nur noch eine feine Gitarre spielen, schließt ihre Augen und summt die Melodie dazu.

An einem Dachpfosten sitzt nun der barfüßige junge Mann ohne Haare in seinen Sommersachen und spielt auf seiner Gitarre. Doch sie sieht ihn nicht, als sie ihre Augen wieder öffnet, aufsteht und zum Fenster zurückgeht.

Sie fängt leise an, zu singen, und der Durchsichtige setzt sich an die Stelle, an der sie zuvor gelegen hatte, während er weiter auf der Akustik-Gitarre spielt.
Ein kleiner Spatz sitzt auf dem Dach und hört ihr ein Weilchen zu.
Plötzlich verhelfen seine kleinen Füßchen seinem Körper zu einem federnden Absprung in die endlos weite Luft, und er lässt sich einen Moment in die Tiefe stürzen, bevor er mit seinen Flügeln einen ersten blitzschnellen Zug nimmt und sich den Widerstand der Luft zu Nutzen macht. Da fliegt er los, ganz rasant.

Der Blick der Stadt folgt ihm in einer Achterbahnfahrt von Aufs und Abs, Stürzens und Gleitens, Wendens und scharfen InderLuftstehenbleibens, bis er irgendwann landet auf dem Fenstersims von einem Zimmerfenster, in dem eine kleine Lampe ein sonnengelbes, wohliges Licht verströmt.
Ein junger Mann mit fast kurzem braunen Haar spielt Gitarre. Er trägt das selbe Gesicht wie der Mann, der gerade noch kahlköpfig und ganz unsichtbar auf dem Fußboden der Dachwohnung saß und spielte. Seine Augen sehen durch Gregor hindurch, hinaus in die Dunkelheit, und seine Haltung verkörpert seine Versunkenheit in das Gitarrenspiel.

Der Spatz sieht dem jungen Mann zu, wie er immer weiter spielt. Er hört nichts durch die Scheibe, aber er weiß durch die unsichtbare Handfläche der Stadt geleitet, dass dies die beiden Menschenkinder sein müssen, von denen Hanna und David immer erzählt haben.
Sie sehen haargenau so aus wie die beiden, nur dass sie eben Haare auf dem Kopf haben. Im Gegensatz zu Hanna und David.
Wer Hanna und David sind, willst Du wissen?
Folg dem kleinen Federwind nur weiter.
Denn es ist endlich soweit. Ganz aufgeregt fliegt der kleine Gregor über die Dächer zu einem Park ganz in der Nähe. An einem Teich auf einer Parkband, umringt von weißen Säulen, warten David und Hanna schon seit dreißig Jahren darauf, dass sie endlich wieder als Menschen zueinander finden können.
Im letzten Leben haben sie hier noch als altes Paar geschworen, sich im nächsten Leben wiederzufinden, wenn einer von ihnen früher gehen müsste als der andere.
Sie wollten alle Zeiten zusammen erkunden, gemeinsame Momente sammeln und bewahren und an jedem Morgen ihre Handflächen aneinander legen.

Das selbe Kitzeln wieder zu spüren, in einem lebendigen sterblichen Körper, verletzlich und mutig die Grenzen irdischen Daseins durchbrechend, um die unendliche Freiheit im Herzen zu teilen, das war ihr gemeinsaer Wunsch.

Hier saßen Hanna und David bereits zu ihren vorletzten Lebzeiten, wie schon Gregors Großvater erzählte, unterhielten sich auf ihrer Bank, gaben den Spatzen Brotkrumen und sahen den Enten beim Gleiten zu.

Aber heute kann Gregor die beiden nicht ausmachen.

Nun hat er schon einmal solches Zufallsglück, auf dem Dach der jungen Frau zu landen, genau zu wissen, wo sie sich befindet, und niemand ist da, dem er davon berichten könnte!

Just als der kleine Gregor den beiden die frohe Botschaft verkünden und Ihnen schnell den Weg weisen will, muss er feststellen, dass die Parkbank, auf deren Lehne er nun landet, auch für Spatzenaugen gerade leer ist. Sein kleines hüpfendes Herz springt ihm fast aus der stolzen Brust.

Diese kleine Brust ist aber zu beansprucht von der ganzen Aufregung, als dass sie enttäuscht in sich zusammensinken könnte. Stattdessen pfeift Gregor vor sich hin: „Was mache ich denn jetzt nur? Wird es schon zu spät sein, wenn ich einfach hier auf sie warte? Vielleicht – ja ganz sicher. Ein Jammer wäre das! Nicht auszudenken mit meinem kleinen Kopf!“

Aber dann kommt ihm eine Idee: „Jetzt fliege ich zurück zu der Menschenfrau und werde sie nicht mehr aus den Augen lassen.“ und er plustert sich den Abendduft in sein graubraunes Federkleid hinein, „wenigstens einer sollte hier noch den Überblick behalten, jawohl!“

Stolz holt er noch einmal tief Luft und gibt sich den nächsten Abstoß in den mittlerweile dunkel gewordenen Berliner Luftraum.
Daß Geistwesen existieren und sich mit bloßer Gedankenkraft von Ort zu Ort bewegen können, ist den Spatzen kein bloßer Aberglaube. Die wenigsten Menschen wissen davon, dass das Geistwesen ihrer Seele die ganze Welt bereisen kann, wenn es will, und noch weniger Menschen wissen, dass dies auch für Menschen mit einem geschulten Bewusstsein möglich ist. Und wenn die Menschen doch davon wissen, haben sie meist nicht den Mut oder die Motivation, es den Geistwesen gleich zu tun und ihren Körper für eine gewisse Zeit zu verlassen. Denn das, was man bei solch speziellen Reisen erleben kann, hat den ein oder anderen schon ganz schön aus den Socken gehauen. Beim Träumen wiederum erscheint es den Menschen ganz normal, doch da sie ihren Körper nicht im wachen Zustand sondern beim Schlafen verlassen, halten sie es nicht für real.

Die Unsichtbaren dürfen nicht in das Leben der Menschen eingreifen, zu denen sie gehören. Das können nur die Engel, und dies auch nur dann, wenn die Menschen sie darum bitten.

Deshalb kann man auch mit den Engeln keinen Handel abschließen, denn selbst wenn die Menschen die Engel bitten, dass sie sie zu ihrem Herzenspartner führen mögen, können sie den Weg zueinander nicht finden, wenn sie nicht gelernt haben, kontinuierlich auf ihre innere Stimme zu hören.
Und weil ja die wenigsten Menschen dieser Stimme bedingungslos folgen oder aber einfach nur bewegungslos an einer Kreuzung sitzenbleiben, haben die Engel doppelte Arbeit damit, sie mit Hilfe von Zeichen zueinander zu führen. Die Menschen getrauen sich so oft selbst nicht und übersehen die kleinen Federn auf den abgetretenen Bürgersteigplatten, die liebevoll vor ihren eiligen Füßen platziert wurden, genau wie sie all die Spatzenblicke auf dem Weg zu ihrem nächsten wichtigen Termin nicht in sich hineinlassen. Stattdessen hören sie auf die anderen Menschen oder gehen irgendwelchen logisch klingenden Theorien auf den Leim.
Gregor war es eigentlich schnurz, was die Menschen im Allgemeinen so machten, schließlich dachten die ja auch nicht im Traum daran, die Sperlinge vor dem Aussterben zu bewahren, zumindest die meisten von ihnen.
 Besonders die Architekten, ha!!! Diese Leute, die diese schrecklichen neuen Häuser erfanden, in denen kein Patz zum Nisten war, also die Architekten, die konnte Gregor überhaupt nicht ausstehen.

Aber bei David und Hanna war das etwas Anderes.

Sie hatten sich schon in drei aufeinanderfolgenden Leben wiedergefunden und waren jedes Mal ein bisschen weiser und tierlieber geworden.

Das bedeutete logischerweise, dass seine Sippe sich nur an ihre Fersen heften und die Zeit überbrücken musste, in der diese beiden Menschenkinder wieder zu sich selbst und dann in logischer Konsequenz auch wieder zueinanderfinden würden. Und dann würde es tendenziell sogar noch größere Brotkrumen geben als jene, die sein Großvater seinem Vater schon nach Hause gebracht hatte und sein Urgroßvater seinem Großvater, und, naja soweit wie ein kleines Spatzengehirn sich das eben ausmalen kann.

Sein Vater war in seiner Kindheit jedenfalls bestens versorgt gewesen, bis Hanna früher starb als David, weil sie, genau wie er, Widerstandskämpferin war und erwischt wurde, als sie Flugblätter in den Umkleiden eines öffentlichen Freibades versteckte. Sie beide waren in der Swingjugend, musizierten und tanzten, dass es einem Spatz schon vom Hinhören und Zusehen schwindelig werden konnte. Und weil der Swing und alles was Freude machte, verboten wurde, war der Schritt zum Widerstand nur ein kleiner.

Sie war einfach zu unvorsichtig, weil sie geglaubt hatte, man würde sie nicht im Schwimmbad beobachten.

Sie hatten sie an einen Ort gebracht, an den kein Spatz aus Berlin je gekommen war; oder von wo aus ein Spatz aus Berlin, von dem man nicht wußte, dass er dorthin gelangt, je zurückgekehrt war. Deshalb bevorzugt Gregor die schnell gedachte Variante, die erzählt, dass nie ein Spatz aus Berlin dort war, wo Hanna hingebracht wurde.

Jedenfalls, dieses Rätsel wurde fortwährend nie gelöst, denn David hatte auch auf seiner Parkbank darüber keine Selbstgespräche geführt. Doch er war den Spatzen und Enten treu geblieben, wenn auch die Traurigkeit in seinen Augen das Wasser des Teiches, in dem sie sich spiegelten, zu Tränen hatte werden lassen.

Und die Enten haben nichts an dem Salz auszusetzen gehabt, das ihnen die Schwimmhäute austrocknete, denn Hannas Lachen fehlte auch ihnen, wenn auch ihr Geistwesen wieder zurückgekehrt und anwesend war. Es wirkte sehr ernüchtert und schwieg in den Tag hinein. Die kahle Hanna, deren Gesicht nicht weiter alterte, wich nicht von Davids Seite. Deshalb waren die Spatzen und Enten auch nie allein mit Hanna´s Geistwesen. Wenn David ging, ging auch sie.
 David brachte bald, aus einem den Spatzen und Enten unerfindlichen Grunde, immer weniger Brot zum Teilen mit, und als die furchtbaren Nächte des Feuers die Stadt in Schutt und Asche gelegt hatten, kam auch David eines Tages als Geistwesen ohne Haar zurück. Seitdem gab es gar keine Brotkrumen mehr zu streuen.
Der Vorteil allerdings war, dass sie nun alle miteinander reden konnten. Der kleine Gregor schätzte diese Unterhaltungen sehr, weil Hanna und David ihm so manch unerklärliches Verhalten der Menschen begründen konnten. Er hatte von Hanna und David viel über die Langbeiner gelernt und konnte sich nicht vorstellen, auf diese Parkbankgespräche noch zu verzichten.

Gregor wäre doch ein wenig wehmütig um sein kleines Herz, dächte er heute daran, was aus ihren Unterhaltungen werden würde, wenn die beiden Menschenkinder erst wieder vereint wären.

Doch Gregors Freude und sein spontaner Tatendrang ließen weitere komplizierte WasWäreWenn-Gedanken gar nicht zu – genauso wenig, wie er die Münzen auf dem Gehweg umdrehen konnte, um die andere Seite zu betrachten.

`Brotkrumen, Brotkrumen, Brotkrumen…´ dachte er, `oh, Kekskrümel, Sonnenblumenkerne, oder sogar himmlisch aufgeweichte Eiswaffelreste!´ sobald David und Hanna wieder Menschen wären.

Von David und Hanna erfuhr Gregor, dass Geistwesen Teilaspekte der Seele eines Menschen sind, die umherwandern können, wenn der Mensch irgendwo festsitzt, ob mental oder körperlich, spielt dabei keine erhebliche Rolle, aus welchem Grund auch immer.

Die häufigste Ursache für die menschliche Orientierungslosigkeit sind mangelndes Selbstvertrauen und fehlender Glaube.

Aber warum sollte ein Geistwesen bei einem Menschen bleiben, der es stetig ignoriert? Das wäre Gregor wirklich zu langweilig. Doch Geistwesen sind geduldig, denn sie sind durch das Tor der Unendlichkeit gegangen. Menschen vergessen diese Erfahrung, sobald sie wiedergeboren werden.

Die wenigsten Menschen wissen, dass sie liebevolle Gesellschaft haben, und noch weniger, dass sie sich ihrer Verbundenheit mit ihr immer bewusst sein können. Sie machen also nicht davon Gebrauch, ihr eigenes oder das Geistwesen ihrer liebsten Seele wahrzunehmen, die sehr oft schon bei ihnen ist, allein aus purem Interesse, abgesehen von der endlosen Liebe, die nach Vereinigung strebt.

Die Menschen haben ein, wie sie es nennen, Unterbewusstsein, in dem die Liebe ihre Fährte hinterlassen hat. Selbst wenn man einen Menschen Glauben macht, es gäbe diese wahre Liebe nicht, plagt ihn die Sehnsuchtskrankheit, welche dann sehr häufig noch dazu führt, dass der Mensch umso mehr Irrwege einschlägt, weil er sich so geschwächt und verloren fühlt, dass er in einer Welt aus Projektionen nach Halt sucht.

Die Menschen konzentrieren sich bei ihrer Suche auf die äußere Welt und auf das, was sie tun, anstatt zu sein, wer sie sind, und sich von innen heraus anleiten zu lassen.

Sie gehen ins Kino und lesen Zeitschriften, sie üben fleißig die Ausübung einer Profession, um sich von der Masse abzuheben und ein Ideal zu erreichen, und werden dabei nicht selten immer einsamer. Sie identifizieren sich so sehr mit ihrer Hülle und ihrer persönlichen Geschichte, dass sie nicht erfahren, wozu ihr Bewusstsein fähig ist.

Die innere Stimme ist ein Sprachrohr jenes Teilaspekts der Seele, der schon an die Orte gelangen kann, an denen der Mensch seine wahre Bestimmung entdeckt und dem Seelenpartner begegnet, den man sich schon vor der Geburt aussuchte, mit dem man vielleicht sogar schon mehrere Leben lang zusammen war.

Die wahre Bestimmung einer Seele hat nichts mit der Geschichte einer Person sondern mit ihren menschlichen Seelenqualitäten zu tun. Und die Sehnsucht ist die Schatzkarte. Nur wer ist schon so mutig, sie genau zu studieren? Der Schmerz der Sehnsucht wird von den meisten Menschen missverstanden und als „schlecht“ gedeutet.
Die menschlichen Biographien sind so mannigfaltig wie ihre Träger. Aber die Menschen hängen an ihren Geschichten, egal wie dramatisch sie sind. Sie lesen Dramen in der Zeitung, schauen sie sich im Theater an, erzählen sich selbst und anderen ihre eigenen Dramen. Aber wollen sie wirklich glücklich sein? Sich für das Glück entscheiden? Darin muss man Verantwortung übernehmen, darin muss man die Konsequenzen selber tragen. Und das Glück kann einem Menschen ein ganz schön mulmiges Gefühl geben, wenn er es nicht kennt.
Ein altes Paar Schuhe legt der Homo Sapiens auch nicht gerne ab, weil sie sich so gut an den Fuß und seine alte Gangart angepasst haben. Aber neue Schuhe bergen so viele unschuldige neue Möglichkeiten. Nicht die alten Schuhe haben einen gelehrt, was man auf dem Weg erlernen konnte, sondern die Ereignisse. Die persönliche Geschichte ist der Weg zur bewussten Wahrnehmung, die alle Aspekte miteinander verbinden kann. Neue Schuhe verführen ihre Träger, neue Wege zu erkunden. Sie ermöglichen es manchmal sogar ganz unbemerkt von der Persönlichkeit, dass sich ihr Träger verläuft und sich in einer ungeahnten Situation wiederfindet, die seine Wahrnehmung schult, selbst wenn er dadurch alles verliert, woran er sich zuvor festgehalten hat.

Eine Schande ist es, dass offenbar meist nur ein größtmöglicher Leidensdruck den Menschen dazu bringt, alles loslassen zu müssen, woran er sich geklammert hat, um die Unschuld in sich nicht aushalten zu müssen. Viele reden sich ein, sie hätten eine große Schuld auf sich geladen und schämen sich, oder sie beschäftigen sich mit der angeblichen Schuld anderer.

Doch all das sind nur Geschichten, die wie alles anziehende Magneten im Kopf das Leben auf das Denken reduzieren. Der Geist weiß, wie frei er eigentlich ist, doch der Mensch hat sein eigenes Geistwesen vergessen und verwechselt es mit seinem Gehirn. Nichts für Ungut, es ist ja toll, dass der Mensch so ein großes Gehirn hat, doch ein Elefant oder ein Wal würde niemals auf die Idee kommen, einen Krieg anzuzetteln, um eine Gesellschaftsform zu etablieren oder Glaubensvorstellungen von Freiheit für alle geltend zu machen, denn die wissen, dass die Freiheit schon existiert hat, bevor die Menschen versucht haben, eine Formel aus ihr zu machen, wie sie versuchen, aus allem eine Formel zu machen. Die Elefanten und Wale sind selbst diese Freiheit, genauso wie die Menschen. Der einzige Unterschied besteht darin, dass diese es nicht vergessen haben, wie die Menschen, die sich für die schlaueste Spezies halten.
 Pah!

Spatzen sehen viel zu viele alte Schuhe an den Menschen, viel zu viele sich ewig zu wiederholen scheinende Situationen und Alltagsbeschäftigungen, in denen keinerlei Leidenschaft oder Freude mehr zu finden sind.

Was Gregor nicht alles einmal ausprobieren würde, wenn er die Möglichkeit geschenkt bekäme, nur für einen Tag ein Mensch zu sein. Doch er betrachtet alles aus der Vogelperspektive und ist machmal froh darum, dass sein Gehirn so klein ist und ihm so viele Sorgen und Illusionen erspart bleiben.

Manchmal können die Menschen einem schon leid tun. Sie glauben so oft, sie wären die Krone der Schöpfung, ohne überhaupt zu wissen, wie großartig und wundervoll ihre Existenz eigentlich ist, wie viele wunderbare Dinge sie mit diesem Gehirn erfinden könnten, mit denen sie die Welt ehren würden, auf der sie leben dürfen, anstatt sie kontrollieren und ihrer Angst vor der Unendlichkeit unterwerfen zu wollen.

Denn so wie sich der einzelne verirrt, so ist das Kollektiv von diesem Irrwahn erkrankt, der ihnen vormacht, dass mehr zu besitzen besser wäre als weniger. Und diejenigen, die davon profitieren, diesen Irrwahn zu streuen, sind selbst am aller verrücktesten, denn sie haben am meisten zu verlieren.
Während Gregor all dies denkt und fast dabei vergisst, auf den Verkehr in der Luft zu achten, ist er, ganz unbewusst, doch wieder zurück zum Park geflogen, denn die Menschenfrau hatte ihr kleines Dachgeschoß für einen Abendspaziergang verlassen, und er war zu aufgeregt, um dort auf dem Dach zu warten.
Und da sitzt Hanna, unsichtbar und ohne Haar, auf ihrer Bank und sieht den Enten beim Wassergleiten zu, als der kleine Spatz ganz aufgeregt auf der Lehne der Bank landet und stotternd zwitschert.

Die untergehende Sonne entzündet den Teich in ein nasses, leise plätscherndes Feuer aus tanzenden Spiegeln.

Hanna: „immer mit der Ruhe, kleiner Gregor. Ich weiß, dass sie hier ist, aber wir haben Zeit. David ist schon bei ihr. Sie genießt ihr Alleinsein und ich den schönen Abend. Doch bald ist es Traumzeit, und ich werde gehen und Leo beim Einschlafen zusehen.“
Wenn Hanna und David Lust dazu verspüren, werden sie sich später bei der Nachtwache über den Körpern von Mia und Leo abwechseln, während diese ihre Traumwelten bereisen.

Geistwesen können eigentlich außer Wache zu halten nichts tun, als in Momenten der Einsamkeit subtilen Trost zu spenden. Diesen Trost hatte Mia derzeit nicht nötig, denn sie genoss bereits die stille und unerklärliche Anwesenheit des Guten in sich und um sich herum, wenn sie auch immernoch sehr ängstlich war. Leo jedoch ahnte bis jetzt nur, dass es da etwas gab, das er sich nicht erklären konnte. Es brachte ihn immer mehr durcheinander, weil seine inneren Augen sich in kurzen Momenten wieder öffneten und das Wahr-genommene die Unwahrheiten dieser Welt offenbarte. Diese Ahnungen wurden durch die plötzliche Anwesenheit Mias in Berlin noch verstärkt, denn der Magnetismus begann immer mehr zu wirken. Dies geschah auf eine leise Art, die, ganz ohne Worte, sein Denken umschiffte und so in ihm langsam größer wurde. Das Sehnen glomm in ihm auf, und alles, was ihn zuvor von diesem Gefühl abzulenken vermochte, verlor mehr und mehr den Sinn. Die subtilen Wahrnehmungen erwachten in ihm, und es gab nichts mehr, was deren Aufleben noch hätte verhindern können.
Daß David und Hanna sich mit der Kraft ihrer Absicht von Ort zu Ort bewegen können, verdanken sie den Kräften der Natur. Die Spatzen können mit ihren kleinen Knopfaugen die Bindfäden durch Zeit und Raum sehen, die die Geistwesen für eine Zeit hinterlassen, wie die weißen Kerosinwolken eines Flugzeuges – und die Sperlinge folgen ihnen nicht selten. In einer Stadt wie Berlin gibt es sehr viele dieser Fäden. Die Berliner Luft ist vernetzt.
Menschen neigen dazu, für existenziell unmöglich zu halten, was sie verlernt haben, zu sehen.

Kinder aber können die Tiere noch sprechen hören und gute Geister sehen. Manchmal haben sie auch Flügel.

Sie wissen, wenn ein Engel im Raum ist, manchmal können sie mit den Elfen auf Reisen gehen.

Oder sie unterhalten sich mit einem unsichtbaren Freund.

Aber irgendwann kommt für alle Menschen der Tag, an dem die inneren Augen sich schließen.

Die wenigsten Menschen wissen von den helfenden Anwesenheiten. Manche denken auch nie daran, dass sie einen Schutzengel bei sich haben, machen also nicht von den Kräften Gebrauch, denen sie sich nur zu öffnen bräuchten. Sie identifizieren sich so sehr mit ihrer Hülle und ihren scheinbaren Grenzen, der persönlichen Geschichte und ihren ausgedachten Fehlern, dass sie nicht erfahren, wozu ihr Bewusstsein fähig ist.

Das Herz ist schmerzummantelt, sodass ein Mensch sein eigenes Leuchten nicht mehr wahrnehmen kann, das geduldig hinter vernagelten Angstfenstern im Herzen weiter strahlt.

Kinder wissen meist, was ihnen am meisten Freude bereitet, da ist es ganz natürlich für sie, sich zu wünschen, einmal Großes zu tun, wenn sie erst einmal groß sind.

Als Kind hat man noch eine Idee davon, wie frei man sein wird, wenn man einmal hinausfliegen darf in die weite Welt. Aber je älter man wird, desto mehr vergisst man, wie sich das Freisein anfühlen kann, weil die Verantwortung der Erwachsenenpflichten zu groß erscheint und einem den Brustkorb zu einer Ritterrüstung werden lässt, die keine Weite hinein- oder hinauslässt.

Wie viele Menschen wissen nicht mehr, was sie als Kind einmal werden wollten: 
Feuerwehrmann, Busfahrer, Malerin, Zauberer…

Sie vergessen die Aufgabe über die Prägung von außen und die Härte der Realität, die man ihnen beigebracht hat, zu sehen. Und was man glaubt, das sieht man auch. Und was man nicht mehr glaubt, sieht man auch nicht mehr.

Man zieht sich Vorstellungen an, die dieses System am Laufen halten, wie ein vererbtes Club-Jackett mit bindenden Abzeichen, und bald hat man vergessen, dass der Sternen-Umhang viel schöner an einem aussehen würde, ja dass man damit sogar fliegen könnte.
Wie viele Menschen blicken in den Spiegel, ohne mehr als nur das Antlitz der eigenen Geschichte vor sich zu sehen? Aber wer ist dahinter vergraben worden?
Wie gut, dass diese Geschichte aus der Vogelperspektive erzählt wird. Denn von hier aus ist es alles ganz leicht zu erkennen.