Vogelperspektive: Kapitel 4

mein Tag

Mia hatte einen wasserdichten roten Rucksack mitgenommen. In ihm war ein uraltes Laptop untergebracht, mit dem sie die Fotos ihrer Bilder und Skulpturen bearbeiten, Texte schreiben und Musik auflegen konnte. Es gab eine Zeit, da legte sie in Bars und Cafés Musik auf und sang live dazu. Es war eine eher autistisch anmutende Veranstaltung. Sie versank vollkommen in ihrer geliebten Musikwelt, versteckte sich mit geschlossenen Augen hinter dem DJ-Tresen und suchte ausschließlich den Blickkontakt zu ihrem Musikprogramm und den Einstellungen ihres kleinen Vorverstärkers, der das Mikro mit der Anlage verband. Manchmal kamen die Gäste zu ihr, bevor sie nach Hause gingen und steckten ihr Zettelchen zu, auf denen sie sich bedankten für die schöne Stimmung, die entstanden war, weil sie ihre Leidenschaft für Musik mit ihnen geteilt hatte. Da wurde es ganz hell in ihrem Gesicht, und man konnte ihre stille Freude erkennen.
Es gibt Taschen und Rucksäcke aus LKW-Plane, die es erlauben, so eine Ausrüstung auch bei Regen auf dem Fahrrad zu transportieren. Die sind oft belabelt mit einer Firma, die den letzten Tag in der Arbeits-Woche huldigend, viele Leute daran erinnert, dass man sich ein Mal in der Woche und drei bis vier Mal im Monat auf das Wochenende freuen kann. Mia aber hat sich einen Rucksack einer anderen Firma gekauft und ein Schild sticken lassen, auf dem „Meintag“ stand.
Das hat einen Hintergrund, denn es ist der Titel eines Liedes, das sie mit einem Freund geschrieben hatte. Es hatte zu Anfang noch einen englischen, vollkommen anderen Text. Dann aber wurde diese Band aufgelöst, und Mia war dazu übergegangen, Deutsch zu singen. Sie schmiedete dem alten Lied ein neues Gewand und nannte es: „mein Tag“
Ihr Rücksack erinnert sie nicht an das Wochenende sondern daran, dass man jeden Tag von vorne beginnen kann. Deshalb ist es der perfekte Transporthelfer für ihre Reise.

Manchmal bemerken es die Menschen, die im Bus oder in der Bahn hinter ihr in der Schlange stehen, und wundern sich. Mia mag es, kleine Rätsel zum Mitnehmen in die Welt zu entlassen. Sie freut sich frech über Gedankenketten, die durch so ein Schild entstehen und ihre Mitmenschen vielleicht auch nur eine Minute lang von ihren Alltagssorgen ablenken könnten. Es ist im westlichen Leben ja schon selbstverständlich geworden, das die Umgebung mit ihren ewig repetierenden Firmen-Bezeichnungen, uns unbewusst beeinflusst. Es gibt Studiengänge, die nur darauf ausgelegt sind, das Unbewusste der Menschen so zu beeinflussen, dass sie sich noch mehr mit diesen Bezeichnungen umgeben möchten. Sie begegnen einem überall, diese Namen, und wie oft merkt man nicht einmal, dass man sich mit ihnen identifiziert, um deren angeblichen Wert auf sich selbst zu übertragen. Dass diese Entstehungskette Teil der gelenkten Versklavung im Wohlstand ist, haben die meisten von uns selten oder nicht auf dem Zettel. In einem Rucksack trägt man sein eigenes Päckchen, es ist ganz egal, was da drauf steht. Die Frage ist nur, wo geht man hin?

Das Lied handelt von dem inneren Kind, das am Morgen noch hellwach ist, nachdem es aus der Traumwelt zurückkehrte.

Mein Tag

wenn ein Sonnenstrahl mich weckt und mein Traumgerüst noch weiterlebt
sind alle Wesen aus Lummerland mir noch wohlbekannt
das kleine Honigkuchenpferd sitzt auf dem Fenstersims und grinst mich an.
Die Montagsfliege dreht ihre Bahn und zeigt, wie laut sie summen kann.

heute ist mein Tag, ich streif das Gestern ab.
der Morgen ist noch weit, und ich bin schon bereit.
es klopft an meine Tür, ich bleib nicht länger hier.
das Glück tut einen Schritt, und dann lauf´ ich mit.

ein Tausendfüßler holt die Schuh´ und Mister Schmetterling den Verlobungsring.
heute halt ich ums Leben an und hör den Erdenklang.
der rosa Specht in meiner Brust klopft den Rythmus der Lebenslust.
ich halt´ mein Herz in der linken Hand und streichle seine Flügel.

heute ist mein Tag, ich streif das Gestern ab.
der Morgen ist noch weit, und ich bin schon bereit.
ich tret´ durch´s Gartentor, die Vögel singen im Chor.
das Glück tut einen Schritt, und dann lauf ich mit.

Abenteuerlust!  Abenteuerlust!      
gegen den Verdruß
ein Frosch gibt mir nen Kuß, ich hab es doch gewußt:
ich brauch keinen Prinz zum Glücklichsein.

die Zeilensteine warnen vor der Eile.
ich hab den Fluch gebannt und wander ein ins Mialand.
der Sternenvater flüstert hier Geschichten in den Wind
die Sagen, die besagen, dass wir Gaias Sternenkinder sind…

Als Kind wurde Mia Marie genannt, denn eigentlich heißt sie Maria. Doch das Marie war ihr irgendwann zu kindlich.

Ihre Eltern hatten sie Marie genannt, doch irgendwie fühlte sich dieser Name noch zu sehr nach dem Unverstandensein an, das Mia einen Stich im Herzen versetzte. Das Unverstandensein ist eigentlich Mias größtes Thema. Mitte zwanzig war sie, als sie begriff, dass sie das bunte Schaf der Familie war, dass niemand in diesem Kreise je verstehen könnte. Entweder sie passte sich an und gab ihr buntes Fell auf, oder sie sagte sich los. Die Emotionaliät wich mehr und mehr einer nüchternen Akzeptanz der Realität. Aber trotzdem erinnerte das Leben sie oft daran, wo es noch etwas zu sehen gab an Rest-Enttäuschung und Schmerz.

Aus dem Nichtverstandenwerden resultierten die größten Widerstände, und der Kampfmodus wurd aktiviert. Es ist ein anstrengendes Unterfangen, das man natürlich nicht ablegen kann, indem man sich einen neuen Spitznamen zulegt. Aber jeder Name trägt eine Qualität in sich. Eine neue Qualität sollte her, und zwar eine selbst gewählte.
Warum denn nun aber die Abkürzung Mia? Warum denn nicht Maria? Maria war ihr zu heilig und zu brav. Dieser Name implizierte die Erwartungen ihrer Eltern an sie, damit sie ein Leben führen würde, das in deren Weltbild passte.
Man sagt ja immer, Eltern würden es nur gut meinen. Doch es gibt Leute, die haben dieses „Gutmeinen“ als „So oder ohne uns“ erlebt. Elternliebe sollte bedingungslos sein. Doch wer schafft es schon, sein Kind bedingungslos zu lieben, wenn der Alltag im System Bedingungen diktiert?

Wer die Natur und die Wünsche des eigenen Kindes ignoriert und versucht, das Kind zu manipulieren und dazu zu bringen, einen Weg einzuschlagen, der nach eigenem Ermessen Sicherheit und Erfolg in sich birgt, liebt nicht bedingungslos. Der liebt aber auf einer höheren spirituellen Ebene so sehr, dass er das Kind rausschubst, obwohl er es festhalten möchte. Das Kind wird allein in die weite Welt gestoßen, weil es sich nicht anpassen will an die eigene Wirklichkeit.

Es tut weh, wenn das eigene Nachfahrexemplar dich so in Frage stellt, dass es dir nicht nacheifern möchte. Aber das bedeutet dann auch, dass du ihm nichts beibringen kannst. Was macht das für einen Sinn? Dafür all der Aufwand, all die Jahre, in denen du dich gewidmet, in denen du dich bemüht hast, ihm einen guten Start zu ermöglichen… ? Nun ist das Kind da draußen, damit es seine eigene Wahrheit finden und leben kann. Wer es schafft, diesen Menschen allein zu lassen, loszulassen, hat keine Wahl mehr, als darauf zu vertrauen, dass es seinen Weg irgendwie schon finden wird.
Als Marie beschloss, einen neuen Spitznamen anzunehmen, war sie mit einem Mann zusammen, der von einer Internetseite wusste, die neue Kombinationen aus den Vor- und Nach-Namensbuchstaben machen konnte. Er druckte ihr eine Seite mit Namen aus, und sie flog mit den Augen von oben nach unten. Bei einem Namen fror das Suchen ein. Sie las gar nicht weiter und wusste sofort: „das ist mein Name.“
Sie hatte auch einen Namen für sich als Sängerin gesucht, um eine zweite Identität parat zu haben, die die schüchternen privaten Anteile überwinden und die Rolle in der Öffentlichkeit verkörpern könnte. Sie befasste sich damals mit den Indianern und ihrer Philosophie. Das Medizinrad verbindet die Persönlichkeit eines Menschen mit einem Tier und den ihm zugeschriebenen Qualitäten. Es ist ein Horoskop, dass nicht weit in der Ferne des Weltraums nach Antworten sucht sondern in der Natur. Das gefiel Mia sehr gut. Ihr neuer Spitzname wäre ja nun der selbe Name wie ihr Künstlername. Also brauchte sie einen künstlerischen Nachnamen. Und welcher Name eignete sich besser als das Tier, das die Indianer ihr zuschrieben? Der Specht, so sagt man, lehre den Menschen Kommunikation, Musik, Mut, Schutz, Zähigkeit und die Verbindung zur Schöpfung.

Mia hatte immer schon eine ganz persönliche, eigene Art, zu glauben. Die Kirche war nichts für sie. Die größten Verbrechen an der Menschheit hatte, ihrer Meinung nach, die Kirche begangen. Sie benutzten die heiligen Geschichten und schrieben sie um, um die Menschen zu manipulieren. Das Höllenfeuer war das unrealistischste Szenario, das Mia sich vorstellen konnte. Aber wenn Menschen Angst haben, kann man ihnen das Geld aus der Tasche ziehen und sie lenken. Das war damals so und ist heute ebenso.

Das bedeutete aber nicht, dass das Gute nicht existierte.

Der liebe Gott, die Engel und Jesus waren für Mia real, aber genauso wichtig waren die Mutter Erde und ihre Kräfte. Mia suchte die Puzzleteile zusammen und bastelte sich ein eigenes Glaubenskonzept. Das war wichtig für sie, denn väterliche und mütterliche gute Kräfte waren wichtig. Jesus war dabei eine Art Bruder für sie – einer, der vermitteln konnte. Er war ihr zugänglicher als die Vorstellung von einem Vater-Gott. So wie ein Baum besser zu kontaktieren ist als die Mutter, die ihn nährt… Die Engel sind die Wesen, an die Mia ihre Ängste und ihren Kummer zeigen kann. Bei ihnen findet Mia Schutz und Akzeptanz.
Den Rest der Zeit übt sich Mia in der Überlebenskunst. Egal wie dunkel eine Nacht auch sein mag, wenn der Morgen kommt und sie aus dem Haus tritt, auf das Fahrrad steigt oder zu Fuß die frische Luft einatmen kann, ist sie wieder fröhlich. Mia ist eine lebensfrohe Frau. Und sie liebt die Menschen. Vor allem die Outsider mag sie gern. In Filmen sind einem die Nerds auch immer sympathisch, die Tollpatschigen, die mit den komischen Klamotten oder dem Lispelproblemchen. Was braucht man mehr zum Glücklichsein als Sonnenschein und ein Lächeln von einem Fremden?

Ein Paar Monate nachdem der Name Mia zu ihr wollte, fand sie in der Bücherhalle ein Buch, das die Namen Heiliggesprochener thematisierte. Früher wurden Kinder ja häufig nach heilig gesprochenen Menschen benannt. Sie dachte: „da schau ich doch mal, ob es eine heilige Mia gab.“
Sie fand den Namen Mia, und das Buch verwies auf Maria: die heilige Maria oder die heilige Maria Magdalena, und auch auf deren Namenstag. Maria Magdalena war ihr irgendwie näher als die Mutter Jesu. hre Eltern hatten bestimmt die andere Maria im Sinn. Auch Maria Magdalena war keine Insiderin. Und auf einmal musste sie die Luft anhalten, denn der Namenstag der  Maria Magdalena war ihr Geburtstag – der 22. Juli.
Immer wenn Mia auf ihr Herz oder auf ihren Bauch hörte und mutig genug war, entgegen den Erwartungen anderer, Entscheidungen zu treffen, die sich richtig anfühlten, passierten solche Zeichen. Manchmal dauerte es ein Paar Monate, aber sie kamen – die Zeichen. Dieser Wink, von wo immer er auch kam, war jedenfalls ein dickes, fettes Ausrufungszeichen. Sie hatte sich für den richtigen Namen entschieden. Und sofort hatte Mia viele neue Fragen:
Wer war die heilige Maria Magdalena, und was hatte sie in ihrem Leben bewirkt? Mit wem war sie zusammen? Hatte sie einen Gefährten – jemanden der perfekt zu ihr passte? Hat die heilige Maria Magdalena ihre Sehnsucht überwunden mit jemandem, der sie erkannte und wirklich liebte? Und wie alt war sie, als sie ihn endlich gefunden hatte? Waren sie und Jesus ein Paar, auch wenn die Kirche dies leugnete? Und ganz unabhängig von dieser Verbindung: Was war ihre große Leidenschaft? Sie musste ja etwas Rühmliches unternommen haben, wenn man sie heilig sprach. In der Bibel stand ja, sie wäre eine Hure gewesen. Aber das war sicherlich auch nur so eine Mär, um das weibliche Prinzip der Macht wegzuradieren.
Mia fand einiges heraus über die heilige Magdalena: verkannt, verraten, gedemütigt und doch geliebt. Eine sehr faszinierende Geschichte. Man sagt ja, Jesus liebe jeden von uns. Doch verschwiegen wurde, dass er liebte wie ein Mann und zwar die Magdalena.

Ein widerstandsloses Leben war nicht in Mias Interesse. Es gab Dinge, die wichtiger waren, als sich anzupassen, und am allerwichtigsten waren Liebe und Freiheit.