Melek

Da deaktiviere ich meinen Facebook Account nach langer Zeit, um neue Wege zu beschreiten in meinem Bestreben, die Gesellschaft positiv zu beeinflussen, und dann erlebe ich einen Zaubermoment nach dem anderen.
Den Zauber von Freitag Abend möchte ich Euch nicht vorenthalten.
Während ich schrieb, um meine Solidarität mit den Leidtragenden amerikanischer Kriegsverbrechen zu bekunden, mögliche Ursachen und Lösungen zu finden, hing ich meist am Ethernet-Tropf der Informationen, die mir das Netz bot. Nun mausert sich das WWW als Tür, die auch ganz bewusst geschlossen bleiben kann. Es gab ja viele bereits erwähnte Gründe dafür, vor allem hat mir aber mein Leben gefehlt.
An meinem kindfreien Abend gehe ich also raus, um Menschen zu begegnen.
Ich sitze in der Bar und zeichne meine subjektiven Wahrnehmungen, da sitzt eine Frau neben mir und spricht mich an. Ich war so versunken in meiner Welt, dass sie mir vorher gar nicht aufgefallen war. Sie erzählt, sie könne nicht zeichnen, obwohl sie sich immer gewünscht hatte, dies zu können.
Da erzähle ich ihr von Beuys, der sagte, dass jeder Mensch ein Künstler sei.
Ich vermutete eine Schranke in ihrem Inneren, die lediglich aus Gedanken gemacht ist. Drei kleine Zeichenpappen hatte ich dabei und reichte sie ihr. „das zeichnest DU zu Ende. Und die anderen beiden sind für danach.“
ich verrate ihren Namen nicht und nenne sie Melek. Das bedeutet Engel. Ein Engel in Menschengestalt. Der liebe Gott hat uns heute zusammen geführt.
Sie war nur in Hamburg, um einen Facebook Freund zu besuchen und schwups, hat das Leben mal wieder Regie geführt. Das ist schon ziemlich lustig, wegzugehen von Facebook, um Menschen im wahren Leben zu begegnen, und dann ist Facebook ein entscheidender Teil der Fügungskette, die einen wundervollen Menschen neben mir platzierte. Anyway… warum ich dies erzähle?
Melek kommt aus Syrien. Ihr Sohn ist ein Jahr älter als meine Tochter. Sie hatte den Mut, ihren Mann zu verlassen und als alleinstehende Muslimin neu anzufangen. Menschen aus ihrer Kultur können das nicht verstehen und verletzen durch die Art ihrer Begegnung ihre Würde. Und wir? Die meisten Deutschen kennen ihre Geschichte nicht und wollen es auch gern dabei belassen.
Dass Melek sich mir geöffnet hat, macht mich sehr dankbar. Ich habe so viel von ihr erfahren. Dass ich mich in den letzten zwei Jahren nicht davor versteckt habe, das Leid der Syrer zu bezeugen, um die toten Kinder zu weinen und mich um die fliehenden und gefährdeten Kinder zu sorgen, hat mir das Fenster geschenkt, ihr wirklich empathisch zuhören zu können.
ich erzählte ihr auch von mir und fühlte mich verstanden, obwohl wir aus zwei Welten kommen. Unsere Herzen waren sehr ähnlich.
ich ging nach Hause mit einem Gedanken und einer Frage:
„Warum haben die Menschen nur solch eine Angst, den Vertriebenen auf Augenhöhe zu begegnen? Wenn sie doch nur wüssten, wie berührend so ein Gespräch sein kann.“
Jemand, der Familienmitglieder oder Freunde verloren und alles hinter sich gelassen hat, um seinem Kind die Angst vor den Einschlägen zu nehmen und ein Dach über der warmen Stube zu geben, kann unsere Selbstverständlichkeiten in ein ganz anderes Licht rücken. Dieses Infragestellen täte uns allen gut.
Was dadurch angefeuert wird, ist die Dankbarkeit.
ich wünsche mir Freiheit und Frieden für alle von uns, egal wo wir auch geboren wurden.
Ich wünsche mir den kollektiven Mut, einander nicht allein zu lassen in der Not.
Ich wünsche mir die Courage, füreinander einzustehen, selbst wenn das Unrecht an meinem Menschenbruder tausende Meilen entfernt geschieht.
Ich wünsche mir mehr Offenheit und die Bereitschaft, sich die Mühe zu machen, zuzuhören – den wahren Menschen, nicht den Lobbybeauftragten.
Vielleicht nennst Du ihn Allah, ich nenne ihn den lieben Gott. Doch das Label ist egal: Was zählt, ist die Liebe.
Die Liebe kann nur fließen, wenn unsere Herzen offen sind.
Eines ist klar: all der Wohlstand und all die Sicherheit zählen nichts, und sie sind ein schmutziger Luxus, den andere bezahlen.
Es muss einen anderen, gerechteren Weg geben, und es ist Zeit, dass wir gemeinsam den ersten Schritt gehen: aufeinander zu in eine Welt, in der Rüstungsindustrie und Monsanto-Kumpanen kein einziges Produkt mehr absetzen, weil weder jemand eine Waffe in die Hand nimmt noch Lebensmittel in den Einkaufswagen legt, an denen Blut kleben.
Und demonstriert endlich gegen die Kriege der U.S.A. und der NATO.
Und bevor ihr Euch über Trumps Mauer echauffiert, kehrt vor der Küste Europas. Frontex ist legitimierter Mord und schlimmer als die Mauer an der mexikanischen Grenze.
Seht die Menschen an. Redet mit ihnen und verdrängt nicht, dass viele leiden müssen unter dem selben System, dass Deutschland zu einem der reichsten Länder der Erde macht.