Lina Hawk

De-Pression und die Zeitsparkasse

De-Pression. Pression bedeutet Druck. Depression ist der Versuch der Seele, darauf aufmerksam zu machen, dass dieser Druck kein Dauerzustand sein darf. Zeitdruck, Existenzangst, Arbeitsausbeutung, steigende Mieten, Automatisierung, Mangel an privater Lebenszeit, Leistungsdruck durch Eltern… Schon in der Schule geht das los mit der Pression…
Der Kapitalismus ist ein Pyramidensystem. Es befördert ausgebeutete Lebenszeit von unten nach oben. Oben angekommen hat sich die Lebenszeit von vielen in eine ordentliche Rendite für sehr wenige verwandelt.

 

Die Masse aber akzeptiert und erträgt den stetig anwachsenden Druck im Kochtopf Gesellschaft.
 
Trotzdem ist es auch immer ein Spiel mit dem Kochtopfdeckel. Dieser fliegt in letzter Zeit des öfteren nach oben. Und der heiße Dampf besteht aus Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit.
 
Und die Medien und sozialen Medien werden mit cleveren Kampagnen so genutzt, dass der innere Druck bzw. Unmut des Einzelnen sich in vermeintlich gemeinschaftlichen Bewegungen entladen kann, die Ablenkungsthemen gelten.
 
Das beste Beispiel ist die CO2 Bewegung. Umweltzerstörung, Gesundheitsgefährdung, Regenwaldrodung, Schweröl in der Schiffahrt, Massentierhaltung, Waffenhandel und verdeckte Kriege um natürliche Ressourcen gehen derweil fröhlich weiter. Das neueste Iphone ist Statussymbol und Mittel zur Zerstreuung, das Instrument Smartphone entfernt die Menschen von ihrer eigenen Mitte. All die Bildschirme, auf denen das illusorische Leben dahinflackert, ziehen uns in ihren Bann, entfernen uns aber zugleich von der Wahrnehmung nach innen und der Wahrnehmung der eigenen Sinnlichkeit.
Sie entführen uns in eine Welt, in der unsere Sinne verkümmern, in der unser Potential zur Lebendigkeit verschrumpelt. Derweil ist der Brüger sogar stolz darauf, wenn sein Flachbildschirm die mangelnde real exitierende Tiefe der dargestellten Bilder versinnbildlicht. Versinnbildlichung im Kampf gegen die Sinnlichkeit.
Der natürliche Instinkt, der uns sagt, was richtig und falsch ist, verkümmert gleich mit. Wozu soll man sich noch um ein unbeweisbares Bauchgefühl kümmern, wenn es die perfektesten Perfektionen gibt, die der menschliche Intellekt nur hervorbringen kann? Bald haben wir Sex, indem wir uns Elektrodenhüte auf den Kopf setzen. Genauso wie in dem Film „Demolition Man“. Alles unter Kontrolle. Vollkommen unabhängig von sozialen Auseinandersetzungen.
 
Schon in der Schule nutzen die Kinder immer mehr Bildschirme. Ihre Sinnlichkeit wird immer weniger zum Lernen gebraucht. Wir züchten eine Generation heran, die keine sinnlichen Verknüpfungen im Gehirn mehr hat, wenn sie sich bestimmten Themen widmet.
Die Schreibschrift wird abgeschafft. Jedes noch so kleine meditative Element wird weggekürzt, denn es nähme unsere Lebenszeit in Anspruch. Diese Zeit aber soll abgesogen und in Rendite verwandelt werden.
Deshalb kürzt man den Kindern auch noch die Schulzeit um ein Jahr.
 
Das Buch „Momo“ von Michael Ende hat leider eine prophetische Dimension. Die Zigarren der grauen Herren sind die beste bildliche Metapher für diesen Wahnsinn, die mir einfällt. Endes Idee war, die Zeit anzuhalten, um an die Tresore der Zeitsparkasse zu kommen und die Lebensblumen zu befreien. Was könnte er nur damit gemeint haben? Und welche menschliche Qualität wird von Momo verkörpert?
Wie könnten wir diesen Lösungsvorschlag in die Realität übersetzen? Durch einen europaweiten Generalstreik. Alle Uhren anhalten, unsere Lebenszeit zurückholen. Momos Fähigkeit, einfach hinzusehen, Geduld und Liebe, Neugierde und Minimalismus, das sind Fähigkeiten, die wir alle wieder erlernen könnten. Wir könnten wieder realisieren, dass wir schon sind, statt ständig zu versuchen, irgendwohin zu gelangen.
 
Doch leider versteht das der angepasste Mensch nicht.
 
Man nutzt die dumme Masse als Versuchskaninchen für Glyphosat, 5G und Weichmacher, während die mit immer noch umstrittenen Zusammenhängen zwischen dem CO2 in Autoabgasen und dem Klimawandel beschäftigt wird und Geräte kauft, die mittlerweile spätestens nach zwei Jahren kaputt gehen. Der Plastik-Müll wird „outgessourced“ und landet in den Meeren, und die Kinder verhungern oder sterben woanders an Munition von Dr. Oetker oder Waffen von Heckler und Koch…
 
Derweil sind hier aber die Menschen in ihrem Alltag so unter Druck, dass sie sich nur selten diesem großen Berg an Problemen geistig widmen. Ganz klar warum: die Beschäftigung damit erzeugte noch mehr inneren Druck, denn man käme durch sie automatisch zu dem Wunsch, das ändern zu wollen. Dann aber sieht man die Machtverhältnisse, das Framing und die gläubige Masse, die sich sofort auf einen stürzt, wenn man auch nur eine ungläubige Frage stellt. Das erscheint einem zu viel. Das ist nur logisch.
 
Wer sich diese Fragen trotzdem leise stellt und den zusätzlichen Druck aushält, kommt meist dahin, zu erkennen, dass nur die Masse genug Druck auf die Politik ausüben könnte, dass diese ihre Macht zum Wohle des Volkes einsetzte.
 
Da die Masse aber manipuliert und ängstlich bleibt durch die Medien, weiter CDU/CSU/FDP/SPD wählt und/oder nationalistisch statt global denkt, wird der leise HInseher hoffnungslos: „Wie soll ich allein das ändern?“.
 
Man verlinkt sich mit Facebook-Freunden, aber letztlich ist das auch ein Mittel der Mächtigen, den Druck aus dem Kessel zu lassen.
Ohne Leidensdruck formieren sich die Massen nicht wider die Elite. In Frankreich ist das bereits geschehen. Aber in Deutschland hat man die genetisch vererbte Angst vor der Massenhysterie im Blut. Das ist schon einmal mächtig schief gegangen.
Also steigen die psychischen Krankheiten der einzelnen an, die mit den Folgen dieses kranken Systems nicht mehr stoisch umgehen und verdrängen können.
Wir reden hier von „Krankheit“. Wie sonst auch behandelt man diese Krankheit, indem man etwas hinzufügt, statt etwas fortzunehmen. Man fügt Medizin hinzu, um Ungleichgewichte im Hirn auszugleichen. Dass diese ja irgendwoher kommen, spielt für die psychiatrische Medizin eine untergeordnete Rolle. Sedativa und Antidepressiva, gesüßt mit Gift und vermittelter Alternativlosigkeit. „Nimm ne Pille, damit du wieder funktionierst.“
Aber ich glaube, dass die de-pressiven Menschen eigentlich Symptomträger für das System sind. Ein System, das am Kapitalismus, am Karnismus und an Vermeidungsstrategien erkrankt ist, die die Depression verbergen sollen, ist nicht gesund und lebensfreundlich. Seine Vertreter sollten keine Autorität haben, die Einfluss auf die Seelen der Menschen hat. Nur leider sind die Seelen ja das, was dem System die Lebenszeiten streitig machen würden. Selbstliebe braucht Raum.
 
„Nur die Harten kommen in den Garten.“
 
Dieser Satz sagt alles.
 
In jedem untergeordneten System zeigt sich ein Mangel an Achtsamkeit. Das ist die Folge von Zeit- und Leistungsdruck, Konkurrenz und Überlebensangst.
 
Ich hoffe, dass die Jugendbewegung den Konsum mehr und mehr verweigert und anders wählt als ihre Eltern.
 
Empathie statt Krieg. Verzicht statt Konsum. Inneres statt äußeres Wachstum.
 
Das ist unsere einzige Chance.