Räume

 

Behandeln wir heute einmal eine entscheidende Frage, die im Zusammenhang mit der Transformation zum wahren Selbst oft gefragt wird:

Wenn ich an einer Kreuzung stehe und eine kleine innere Stimme in mir einen neuen Weg einschlagen möchte, muss ich jene verlassen, die von mir erwarten, auf dem alten Pfad zu bleiben… Tue ich ihnen dann unrecht? Verrate ich sie? Werde ich allein sein? Gibt es dann niemanden mehr, auf den ich mich beziehen kann, weil jene, an die ich gebunden war, mir nicht erlauben werden, mich zu distanzieren, um mich selbst finden zu können?

Meine Antwort: Betrachte es doch einmal anders: Das “Gehen“ ist nur das Durchschreiten einer Tür in einen anderen Raum hinein. Du kannst immer wieder zurückkehren und jeden besuchen, der Dich auch empfangen mag, wenn Du nicht mehr angepasst, sondern frei, also wirklich Du selbst geworden bist.

Darum frage ich Dich: wenn Dir jemand das nicht gestatten möchte, ist das Liebe?

Du kannst viele Menschen in unterschiedlichen Räumen besuchen, wenn Du magst. Aber Du solltest stets einen eigenen Raum haben, den Du so bewohnen kannst, wie Deine Seele es braucht, nicht wie andere es von Dir brauchen oder erwarten.

Schreitest Du durch die Tür in Deinen eigenen Raum hinein, ist dies kein Verrat an jenen, die Dich bei sich haben wollen und sich dagegen weigern, einen eigenen Raum zu öffnen. Du überlässt sie nur ihrer Aufgabe, herauszufinden, welche Farbe die Wände haben sollen, welche Möbel darin wohl aufgestellt sein sollen, welche Lebensmittel in den Kühlschrank gehören, und welche Blumen in welchen Vasen blühen sollen.

Sie mögen bitte selbst wählen, was sie mit ihrer freien Zeit anfangen wollen, und dabei erforschen, was ihnen Freude bereitet, ohne dass sie dafür einen Spiegel im Außen bräuchten, der ihnen ihre Freude beweist.
Sie sollen herausfinden, was ihre liebste Musik und ihr liebstes Gedicht ist, welchen ganz eigenen Traum sie in ihr privates Tagebuch hineinschreiben wollen, was ihre eigene Vision für die Zukunft ist, innerhalb derer sie jene Gaben ausprobieren und teilen möchten, die sie auch ohne Dein Beisein schon hatten. Weil sie sie von Gott geschenkt bekamen, nicht weil Du bezeugtest, was sie tun. Verstehst Du, worauf ich hinauswill?

In einem gemeinsamen Raum zu verweilen, der Dich daran hindert, herauszufinden, was Deiner eigenen Lebendigkeit dient, ist so, als würdest Du Dich vor dem Leben verstecken. So praktizieren es viele Menschen, doch niemand sagt, dass auch Du dazu verpflichtet wärest.

Wir können einander der Herausforderung überlassen, im Alleinsein der Stimme unserer Seele zu lauschen und zu lernen, sie von den klagenden und fordernden Klängen unserer verletzten inneren Anteile zu unterscheiden. Sie drücken den Schmerz aus und benennen den Mangel – und das sollten sie unbedingt dürfen, denn sonst blockiert das ganze Sein. Doch hinter dem Leid steht das Bedürfnis, das uns in unsere Bestimmung hineinlenkt. Für diesen Seelenplan muss unsere Seele ihre Flügel ausbreiten können.

Beziehen wir uns auf jene Menschen in einem gemeinsamen Raum, die uns dabei helfen, unsere inneren Anteile zum Schweigen zu bringen, lieben wir nicht. Wir benutzen einander für die Vermeidung von Bestimmung.

Aber wenn es jemanden gibt, der Dir dabei helfen will, Deiner inneren Stimme zu lauschen und das zu tun, was sie glücklich macht, wird dieser Mensch darauf bestehen, dass es nicht nur einen gemeinsamen Raum zum Verweilen gibt, sondern auch noch zwei weitere, die davon abgehen. In jedem dieser Räume steht ein Bett für den eigenen Schlaf-Rythmus, und es wartet darin mindestens ein Werkzeug, mit dem jeder sein eigenes Handwerk ausübt. Selbst gewählte Bücher liegen darin auf dem Beistelltisch, und es wachsen eigene Pflanzen in Töpfen, die zur Wandfarbe passen oder auch nicht. Es schreitet die Zeit auf der Wanduhr im eigenen Tempo voran und nur die eigenen Lieblingslieder tönen aus den Boxen, und das genau so laut oder leise, wie es sich für einen selbst richtig anfühlt.

Nichts muss jemand anderem angepasst oder zum Schweigen gebracht werden, solange das, was in diesen Räumen praktiziert wird, die Würde und das Vertrauen des anderen nicht verletzt.

Und wenn man sich danach fühlt, öffnet man den eigenen Raum und lässt andere an ihm teilhaben. Wenn man sich nicht danach fühlt, lässt man es bleiben.

Das Wichtigste aber ist, dass der gemeinsame Raum, der vom eigenen Zimmerchen abgeht, nicht durch irgendwelche geheimen Hintertüren zu unbenannten Privatgemächern verletzt werden kann. Durch sie könnten Fremde eindringen und die gemeinsame Energie mit der ihren durcheinander bringen.

Grenzt ein exklusiver gemeinsamer Raum an zwei eigene Zimmer an, kann man von einer Beziehung sprechen, die nicht auf Abhängigkeit, sondern auf Freiwilligkeit beruht. In ihr verlangt es das bedingungslose Vertrauen, jederzeit und immer anklopfen zu können. Führt in dem Raum hinter der individuellen Tür eine versteckte Tür in einen weiteren Raum hinein, der geheimgehalten und mit  jemandem geteilt wird, vermischen sich Energien auf der Basis von Verrat und Unehrlichkeit.

Die Liebe stellt uns manchmal vor die Herausforderung einer Kreuzung, aber sie ist keine Aufforderung zum Verrat. Sie verlangt uns hundertprozentige Ehrlichkeit ab. Stellen wir die Verabredung mit anderen ehrlich dar? Oder nehmen wir jenen, die wir behaupten zu lieben, ihre Selbstbestimmung, indem wir ihnen wichtige Aspekte verschweigen oder gar falsch darlegen? Möchten wir nun alle Räume weiterhin so bewohnen wie bisher oder noch eine Tür öffnen?

Wer keinen Mut zur Ehrlichkeit hat, wird von der Verlustangst und vom Selbstbetrug geleitet. Der schwingt nicht in Selbstliebe und kann so auch keine Liebe geben und empfangen.

Warum ist die Lüge bequemer als die Wahrheit? Und wer hier lügt, muss sich ganz ehrlich fragen: ist meine Art zu lieben gesund für andere?

Bleiben die Türen der beiden eigenen Räume nicht verschlossen, weil man einander vertraut, stört es das sichere Feld, wenn die eine Tür plötzlich verbarrikadiert wird, um eine dritte zu verheimlichen.

Das Verbotene allein ist wie ein subtiler Duft, eine Mischfarbe im Äther, die das, was im Ungesagten mitschwingt auch in den gemeinsamen Raum hineinträgt, sobald sich die Türen öffnen, da man einander wieder begegnen mag.

Ist es gewollt, abgehend vom eigenen Raum neue gemeinsame Räume zu eröffnen, darf dieses Vertrauen nicht gebrochen werden. Man sollte vorher offen darüber sprechen, um allen Beteiligten die Selbstbestimmung zu erhalten und die freie Wahl zu lassen:

Will ich die Mischfarbe auch in meiner eigenen Raumatmosphäre haben, wenn ich meine Tür dem Gemeinsamen öffne? Hat man mich gefragt, ob ich das möchte?“

Außenstehende sind für dieses Vertrauen nicht verantwortlich, sondern nur jene, die den gemeinsamen Raum bewohnen. Jeder, mit dem man einen neuen Raum im Haus des Lebens öffnen möchte, sollte wissen, was auf den Türen anderer Räumlichkeiten für Schilder angebracht wurden: „intime Beziehung oder Freundschaft? Exklusiv oder austauschbar? Worauf lasse ich mich hier ein?

Im Allgemeinen gilt: je mehr Menschen involviert sind, desto mehr Farben, Erwartungen und Bedürfnisse sind gegeben – also auch ein gesteigerter Kommunikationsbedarf, um Klarheit zu schaffen, damit sich aus all dem Energiegemisch kein moderiges Mischbraun bildet, das allen Beteiligten die Luft zum Atmen nimmt…

Lebt man nur für die Erwartungen anderer, bekommt die Seele keine Luft mehr. Doch wird es  zu eng, muss man keine Extratüren öffnen und zusätzliche Energien in parallele Existenzen hineininvestieren. Ist da eine Sehnsucht nach einem Neuanfang, ist das ok. Dann öffnet man mindestens ein Fenster und macht dies auch klar:

Man spricht darüber, verschweigt es nicht, weil es nun einmal da ist: „In welche Richtung zeigt das Verlangen? Wie benenne ich das Streben? Wo fühle ich es in meinem Körper? Welcher Teil in mir will da hin? Was will sich ausdrücken? Wer in mir will hier – was – leben?“

Man könnte ein ganzes Schloss mit mehreren gemeinsamen Zimmern mit vielen Menschen bewohnen, solange es keine geheimen Gänge und Falltüren darin gibt, die das Vertrauen in andere zerstören und die Freiwilligkeit eines jeden Involvierten untergraben könnten. Das geht nur ohne Geheimnisse und mit hundertprozentiger Garantie auf den freien Willen jedes Beteiligten.

Auf die Tür des einen Raumes wurde „Freundschaft“ geschrieben, auf die Tür des nächsten vielleicht „Eltern- Kind-Beziehung“. Mit Kreide oder wasserfester Farbe? Alle entscheiden das auf Augenhöhe…

Dann haben wir eine Tür, auf der „die große Liebe mit Leidenschaft“ nach Exklusivität und Schutz verlangt, und auf der nächsten prangt dann nur ein einziger Name: Deiner, seiner, ihrer…

Manche Türen sollten von allen erkennbar beschriftet sein, andere sind und bleiben vielleicht pur und unbenannt, weil der Raum dahinter noch nicht genügend bewohnt wurde und jene, die ihn betraten, sich bislang zu wenig Mühe gaben, ein gemeinsames Ziel auszuformulieren.

„Soll es geheim bleiben? Warum? Würde das jemandem schaden? Warum? Bleibt das so? Warum? Wer bestimmt das? Und wer entscheidet langfristig, was für alle das Beste ist, auch wenn es vielleicht Erwartungen und Normen sprengt? Was ist wahr aber vielleicht unbequem, was angepasst aber vielleicht zu unfrei? Was fühlt sich richtig an, und was vielleicht gewohnt aber verdreht? Was wäre möglich, ist aber unerlaubt? Warum?“

Vielleicht steht auf der ein oder anderen Tür auch einfach nur “Zeitvertreib“ drauf. Solange man diese Ausrichtung vorher klar benennt, gibt es kein Problem.

Aber wenn Du von einem gemeinsamen Raum zum nächsten gehst, Dich überall verpflichtet fühlst und lieber jene Flure mit den Ablenkungspforten beschreitest als in Dir selbst – in Deinem eigenen Raum in die Stille einzutauchen und Deine Gegenwart zu genießen, kommst Du niemals in Deinem eigenen Leben an. Du erfüllst nur, was andere von Dir wollen, und versäumst es, den Wert Deiner Existenz in Dir selbst zu erfahren.

Der treibende Motor des Menschen ist der Wunsch nach Verbindung. Dafür muss man sich gesehen fühlen. Doch wer sich selbst nicht erkennt, kann das, was im Dunklen liegt, nie an andere herantragen, somit auch nicht für den Menschen erkannt und geliebt werden, der man wirklich ist. So wankt man halb betäubt von einem High zum nächsten – von einem künstlich beleuchteten Zimmer in das nächste hinein, und der kahle, dunkle Saal, den man nie betritt, weil darin die unbefriedigten Wünsche und Bedürfnisse der eigenen Seele warten und Patina ansetzen, hat bis zum Ende kein Schild an der Tür. Je länger man ihn ignoriert, desto größer und leerer wird er.

Alle laufen an der unbenannten Tür vorbei. Sie ist fest verschlossen, und niemand findet den Schlüssel außer der eine, der immer nur an die anderen dachte, die er hätte “verlassen“ müssen, um den Saal zu betreten.

Würde man sich nur die Mühe machen – sich ein Herz nehmen und den Schlüssel aus ihm heraus: Die Fenster könnte man aufreißen und einen Schneeengel in den Staub am Boden hineinmalen!

Welch wunderbare Musik könnte man darin spielen, welch wundersame Tänze darin tanzen?!

Wie viel Vollmondlicht könnte man darin tanken, nähme man sich die Zeit und ein Kissen für die Fensterbank hinzu?!

Erst dann wüsste man, wem von all jenen, die man zu kennen glaubt, man erlauben wollte, sich hineinzuwagen, das Tanzbein zu schwingen, heimliche Gedichte vorzutragen oder vom Lieblingsgericht zu naschen.

Was ist denn Deines, und kannst Du es kochen? Welches Werkzeug ist das Deines Herzens – was der Sinn Deines Lebens?

Wie soll Dich jemand lieben, dem Du das nicht verraten könntest? Und wenn Du es nicht kannst, was willst Du mit anderen in gemeinsamen Räumen anderes sein als…

einsam?

Hat jeder Mensch, der Dir etwas bedeutet, einen Raum in Deinem Leben?

Und wenn nicht? Warum nicht?