Auf der Zielgeraden

 

2024 neigt sich dem Ende zu und verbeugt sich ohne Applaus. Viele Menschen nutzen die Feiertage dazu, zu resümieren, was sie erlebt und bezeugt, gefühlt und gewagt, konfrontiert und umgangen, zugelassen und verhindert haben. Was die meisten Menschen sich nicht gerne eingestehen wollen, ist die Erkenntnis darüber, was sie versäumt haben.

Auf manches haben wir einen Einfluss, wenn wir mutig genug sind, Entscheidungen zu treffen. Sind wir umgeben von Menschen, die verlernt haben, mit dem Herzen zu entscheiden, bleibt uns manchmal nur übrig, uns selbst zu wählen und uns einzugestehen, dass der Mut nicht immer zu einem Happy End führt.

Die Leute sagen Dinge und stehen dann nicht dazu. Manche sagen nichts, wenn es nötig wäre, und sind zu spät dazu bereit, zuzuhören.

In der Kunst des Zuhörens haben Menschen in den letzten Jahren oft jämmerlich versagt. Das Ergebnis sind unterschwellig schwelende Konflikte, die den vordergründigen Frieden wahren aber im Inneren gären und das Milieu vergiften.

Die Aufarbeitung dessen, was wir in den letzten Jahren kollektiv erlebt und erschaffen bzw. zugelassen haben, wäre dringend notwendig. Die retrospektive Aufklärung über einige Fakten, die unser aller Wahrnehmung von Wirklichkeit wieder zusammenführten, wird verhindert.

Die Zeit hat über eine Umfrage berichtet, aus der hervorging, dass vor allem die Akademiker diese Aufarbeitung gern umgehen wollen. Wie ich mir dieses Phänomen erkläre, verschiebe ich auf einen anderen Tag. Auf jeden Fall sitzen die Akademiker in diesem System an den Schalthebeln, und so bleiben die Wahrheit und somit auch die Erkenntnisse verborgen. Die nötigen (strafrechtlichen) Konsequenzen für Verantwortliche können nicht in die Realität gebracht werden, weil die Gerechtigkeit so manch eine Karriere beendete und falsche Identifikationen aus der Persönlichkeit herausrisse, auf die man als Akademiker ein ganzes Leben lang hingearbeitet hat. Wo einst Anerkennung und Status das Ego streichelten, blieben Scham und die bittere Erkenntnis, anderen Unrecht angetan zu haben. Der solidarische Heldenumhang zerfiele zu Staub. All der Beifall und auch die vielen glänzend-goldenen Talerchen verwandelten sich auf einmal in eine verhöhnend unverdiente Reputation.

 

Quelle

Die Waffenindustrie profitiert von ständig neu erschaffenen Krisenherden, die unendliches menschliches Leid erzeugen. An dem einen Ort werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit als solche erkannt und an einem anderen schlicht ignoriert oder umgedeutet.

So manch einer hat nach all den ermüdenden und auch manchmal abstumpfenden Ereignissen trotzdem noch den Mut, nach der Liebe und der Lebensfreude zu suchen. Für manche von uns ist dies aber ein zeitlich begrenztes Spiel, weil man ja nie wissen kann, wie lange das flüchtige Glück noch anhalten kann. Die existenziellen Verpflichtungen und auch manch ein Seelenvertrag holen uns auf den Boden des alten Lebens zurück. Wir sind alle mehr oder weniger mit den äußeren materiellen Umständen und mit der Vergangenheit identifiziert.

Wer hat den Mut und die Neugierde, den Zauber des Neubeginns einzuladen? Jene die weniger Angst vor dem Scheitern als vor der Stagnation haben. Die gibt es noch, auch wenn es sich mulmig anfühlt, loszulassen, was auf unserer inneren Festplatte der Zugehörigkeit abgespeichert war.

Eine Ära geht zu Ende. Was nicht heilsam und konstruktiv die Bewegung der Evolution unterstützt, sollte geschlossen werden, um das Neue Willkommen zu heißen. Was aber ist die Vision, wenn wir geistige und existenzielle Anhaftungen loslassen? Wie träumen wir richtig, wenn der Griff der alten Muster unsere inneren Bilder loslässt? Haben wir den Mut, das Unbekannte und Gute einzuladen und alles, was uns eine kognitive Kontrolle vorgaukelt, zu entzaubern?

Ich glaube, es gibt noch ein paar wenige Träumer und Träumerinnen, die sich der Härte des Systems vor allem im Privaten nicht unterwerfen wollen und die Hoffnung nicht aufgeben, die wissen, dass es mehr gibt als jene Machtstrukturen, die vom manipulierten Verstand abhängig sind. Wir gehen Risiken ein und meiden die Tränen nicht, die uns von Erschütterungen und Enttäuschungen reinigen können. Jede Träne befreit uns von dem, was wir nicht sind und niemals waren.

Nie wissen wir, ob es sich noch lohnt, neu zu vertrauen, und manchmal müssen wir uns zurückziehen und ausruhen, wenn wir uns geirrt haben und das Gute, das wir in anderen wahr-genommen haben, nicht in deren Lebensrealität hineinwirken bzw. aus ihnen heraus wirken kann, um die Realität zu wandeln.

Verändert sich unser Inneres, verändert sich auch das Außen, aber man hat uns das andersherum beigebracht.

Wer steht heutzutage noch ein für die Wahrheit, die Liebe und das selbst gewählte Glück, wenn das bedeutete, etwas im Außen zu wandeln? Wir sind alle keine Inseln, nicht wahr? Wir erfüllen auch die Erwartungen anderer. Und wir stehen zudem nicht selten unter dem existenziellen Druck, Rechnungen zu bezahlen und Verträge zu erfüllen.

Nun haben wir den heiligen Abend gefeiert, einander beschenkt und festlich geschmaust. Einige blieben jedoch allein: verwitwete Alte, immer noch isolierte Corona-Risikopatienten und Phobiker, um die sich nun die Therapeuten kümmern, sobald der Betrieb im neuen Jahr wieder aufgenommen wird, Singles, die mit Tinder und Co nichts anfangen können und einige andere, die man sich jetzt hinzudenken kann, sofern man es sich gestattet.

Manche, die die Einsamkeit ihrer Mitmenschen nicht bemerken und oder sich nicht zuständig fühlen, haben bereits ihr Sylvesteroutfit am Schrank hängen und eine irrsinnig teure Reservierung getätigt.

Gerade ist es herrlich still in der Stadt. Leise, heilsam leise…

Ich schaue in mein Telefon hinein und bezeuge das Weltgeschehen hinter dem Glas. In diesem Jahr habe ich sehr viel geweint, weil mich vieles noch nicht kalt lässt. Und das viele Weinen hat mich müde gemacht. Mein Wunsch nach Aufklärung und einer ehrlichen gesellschaftlichen Rückschau verblasst langsam. Der Ruf nach Gerechtigkeit und dem gemeinsamen Erkennen und Abwenden möglicher Gefahren fürs Kollektiv und das freie Leben wird geschluckt von dem Nichts in der unendlichen Geschichte, von dem Verstummen, das nach all den gescheiterten Gesprächen mit Menschen übrig bleibt, die mir den demokratischen Diskurs verweigert und mich herabgewürdigt haben.

Man kann Menschen auf ganz unterschiedliche Arten herabwürdigen. Es kommt immer auf den Zusammenhang an.

Aber ich habe auch Freunde gefunden, die in den letzten Jahren bewiesen haben, dass sie auf Augenhöhe und mit dem Herzen Kontakt aufnehmen wollen, für andere da sind, nicht nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind und auch die Ängste und Sorgen anderer ernst nehmen. Für diese Rohdiamanten bin ich sehr dankbar.

Ich darf am kommenden Sylvesterabend mit einem alten Freund zusammensitzen, der seine Wohnung nicht mehr verlassen möchte. Wir werden zusammen kochen und uns freuen, dass uns das Leben einst zusammengeführt und verbunden hat. Ich werde meinen kleinen Verstärker mitnehmen und alle Lieder für ihn singen, die mein Herz vor dem Zerbrechen bewahrt haben. Und wenn wir Glück haben, wird es einen klaren Himmel geben, sodass wir die Raketen beobachten können.

Ich schaue zurück und lerne, mich selbst und meine Seele noch mehr wertzuschätzen, damit ich – wie von selbst – im kommenden Jahr und im Umgang mit anderen noch genauer hinschauen und besser auf mich achtgeben kann. Mein Vertrauen wird nicht mehr so leicht zu erwerben sein, denn ich werde genauer hinsehen und prüfen, ob jene, die von Liebe und Loyalität sprechen, diese auch wirklich umsetzen. Ich werde definitiv mehr darauf achten, was Menschen tun, als auf das, was sie verbalisieren.

Ich verbrenne an jedem Tag zwischen den Jahren kleine Zettelchen, auf denen ich meine Wünsche notiert habe, und gebe dem, was kommen mag, eine neue Chance.

Ein Geschenk hat mir das Leben in diesem Jahr gemacht: Es hat mich noch mehr reifen lassen. Und spätestens im Frühling werden auch die Erschöpfung und der ein oder andere Schock auf menschlicher Ebene hoffentlich aus meinen Knochen entweichen, sodass die Leichtigkeit zurückkehren kann…

Aber natürlich nur dann, wenn uns allen bis dahin der Himmel nicht auf den Kopf gefallen ist.

Asterix und Obelix haben den Zaubertrank. Wir haben nur unsere Menschlichkeit und die Fähigkeit, nicht nur nach dem Rechthaben zu streben, sondern auch das Mitgefühl einmal zu Wort kommen zu lassen. In diesem Sinne… Es kann besser werden, wenn wir bereit dazu sind, Veränderung zuzulassen.

Stößchen…

Eure Lina