Ödipus? Von wegen!

 

Wenn wir uns die Geburtsstunde der Psychoanalyse ansehen, blicken wir nicht nur auf eine wissenschaftliche Theorie, sondern auf eine der folgenschwersten Fehlhypothesen systemischer Opfer-Täter-Umkehr der Moderne.

Sigmund Freud war in seiner Arbeit mit einer unbequemen Wahrheit konfrontiert: Er bezeugte, dass das Leid seiner Patientinnen durch reale, sexualisierte Gewalt durch Väter und Erzieher verursacht wurde. Doch als der gesellschaftliche Widerstand des privilegierten Wiener Patriarchats zu groß wurde und sein Ruf auf dem Spiel stand, vollzog Freud eine radikale Wendung, die wir aus heutiger Perspektive als narzisstische Abwehrstrategie entlarven können.

Freud wandte das Prinzip an, das man in der Narzissmus Forschung unter dem Akronym DARVO zusammenfasst: Er leugnete die Taten von teils auch pädophilen Straftätern, griff im Gegenzug die Glaubwürdigkeit der Geschädigten an und vertauschte schließlich die Rollen von Tätern und Opfern.

Indem er den Ödipuskomplex erfand, behauptete er, das Kind sei nicht das Opfer einer Gewalttat, sondern der Urheber einer inzestuösen Fantasie. Das würde man heute „Gaslighting auf höchstem akademischem Niveau“ nennen.

Freud pathologisierte den berechtigten Schmerz der Betroffenen und deutete ihre traumatischen Erinnerungen zu Triebwünschen um. Er projizierte die Triebgedanken der Täter auf die Opfer. Damit schuf er eine sekundäre Traumatisierung, die nicht nur im Behandlungszimmer stattfand, sondern ein ganzes medizinisches System vergiftete. Diese theoretische Umkehrung diente als gesellschaftliches Schutzschild für ein missbräuchliches Feld, das den Tätern ermöglichte, ihre inneren Konflikte über den Trieb zu entladen und dabei Schutzbefohlene zu traumatisieren.

Die Opfer-Täter-Umkehr legitimierte eine Struktur, in der sich Täter gegenseitig decken konnten, da der Vorwurf des Missbrauchs fortan als „hysterische Einbildung“ abgetan wurde. Es entstand ein toxisches Milieu der Tabuisierung, das die Täter schützte und die Opfer in der Isolation ihrer vermeintlichen Geisteskrankheit gefangen hielt.

Aus moderner traumatherapeutischer Sicht wissen wir längst, dass die Spuren, die der Täter hinterlässt, im Körper eingefroren werden und garantiert nicht nur in der Fantasie entstehen. Es ist wie eine biologische Geiselnahme, in der das Gehirn zu einem Gefängnis werden kann. Dieses Trauma ist nicht nur eine schmerzhafte Erinnerung, sondern eine physische Architektur der Angst. Das Trauma besetzt nicht nur den Körper, sondern entfacht fatale Reaktionsschleifen im Gehirn, die das Nervensystem in einen Zustand dauerhafter Überreizung versetzen. Die Amygdala, unser inneres Alarmsystem, feuert ununterbrochen, während der präfrontale Cortex – der Ort für Logik und Sicherheit – an Boden verliert. Die Betroffenen befinden sich in einem biologischen Dauerstress, einem Zustand von „Kampf oder Flucht“, der niemals endet, weil das Gehirn den Unterschied zwischen der vergangenen Gefahr und der gegenwärtigen Sicherheit nicht mehr verarbeiten kann. Die komplexe Posttraumatische Belastungsstörung ist die Folge von psychischer, sexualisierter und körperlicher Gewalt. Psychische Gewalt wird aber meist nicht einmal erfasst.

Wenn ein System – sei es die Justiz oder die klassische Psychoanalyse – die Menschen, die in einer derartigen Schleife festhängen, als „labil“ oder „hysterisch“ abstempelt, ignoriert es die messbare biologische Realität einer neuronalen Verwüstung.

Diese permanente Überreizung des Nervensystems führt ohne spezialisierte Hilfe geradewegs in den körperlichen und psychischen Zusammenbruch oder auch in schwerwiegende Somatisierungen hinein. Wenn Koryphäen im System diese physiologischen Fakten leugnen, begehen sie eine aktive Unterlassung an der Gesundheit betroffener Bürger.

Doch während die Wissenschaft heute um die Realität von Gewalt und deren Auswirkungen weiß, verharrt der gesellschaftliche und juristische Komplex häufig in einer gefährlichen Starre. Es gibt kaum flächendeckende, spezialisierte Hilfsangebote – stattdessen wird auch noch kaputtgespart, und wir erleben eine fatale Entkoppelung.

Während die Verletzung weiblicher Menschenrechte in der Pornografie oft unter dem Deckmantel der Freiheit nicht strafrechtlich verfolgt wird, werden die dadurch befeuerten gesellschaftlichen Folgen ignoriert. Wir lassen zu, dass Gewaltbilder normalisiert werden, ohne die daraus resultierenden psychischen Brüche systemisch aufzufangen. Die soziale Katastrophe, die hier auf uns zurollt, verwandelt unsere Gesellschaft zunehmend in ein über die Dopaminsucht dissoziiertes Kollektiv ohne Frustrationstoleranz.

Wenn eine soziale Struktur die Realität des Leidens Unschuldiger leugnet, während sie gleichzeitig die Mechanismen seiner Entstehung – wie die pornografische Entmenschlichung – ungebremst laufen lässt, verlieren wir das Fundament von Empathie und Wahrhaftigkeit. Dann begegnen wir im Außen Menschen, die ihre dunkle Seite legitimiert im Verborgenen ausleben und andere den Preis dafür zahlen lassen.

Wir steuern auf eine empathielose Kälte zu, in der das Trauma der Wehrlosen oder Manipulierten von der Mehrheit zur gedeckelten Normalität verklärt wird, bis die psychische Belastbarkeit ganzer Generationen unter dem Druck der negierten  Gewalt hinter den Kulissen zusammenbricht. Es ist ein Wirtschaftszweig enormen Ausmaßes, der durch diese Dynamiken Profite einfährt, bis das System sich selbst zerstört, indem es die Wunden ignoriert, die es stündlich schlägt.

Diese Kette der Verleugnung setzt sich in Bildungsprogrammen fort, die unter dem Deckmantel der Aufklärung die natürliche Schamgrenze des Kindes untergraben. Wichtig für eine gesunde Entwicklung ist jedoch die absolute Achtung dieser Schamgrenze und des individuellen Tempos in der sexuellen Reifung, das immer intrinsisch motiviert sein und bleiben muss. Die Scham darf weder durch semantische Eingaben, welche Imaginationen – also im Inneren erlebte Wirklichkeit – anregen, verletzt werden, noch darf man eine Art Gruppenzwang der Enthemmung normalisieren.

In sogenannten „Experimentierräumen“ werden Kinder, die noch Zeit brauchen, jenen ausgesetzt, die sich bereits ausprobieren und das in sie Eingegebene an anderen testen wollen. Das Ergebnis ist ein Erstarren vor Angst bei jenen, die sich nicht wehren können. Eine Pädagogik, die diese Grenzen erodiert, produziert genau jene neuronalen Überreizungsschleifen, die später als chronische Traumata mühsam behandelt werden müssen.

Die gesunde Scham behütet die individuelle Intimität. Sie darf niemals übergangen werden, weil sie unmittelbar mit der menschlichen Würde verknüpft ist. Wer sie nicht achtet, wird übergriffig.

Die moderne Forschung lässt keinen Raum mehr für Freuds spekulative Fantasiegebilde: Das Trauma ist eine messbare, physiologische Realität. Freuds Ideen dienten der Legitimation eines furchtbaren Missbrauchs, der durch seine Expertise nicht erkannt und behandelt, sondern ermöglicht und verschleiert wurde. Und Freuds Rolle als Wegbereiter für dieses Leid war nicht nur theoretischer Natur; er lebte die systemische Grenzverletzung in seiner eigenen Familie aus, hatte also in eigener Sache nicht die nötige Distanz, um aus der analysierenden Perspektive auf das Phänomen im Allgemeinen zu schauen.

Während Freud sich den Mächtigen seiner Zeit anbieterte, wurde auch er gegenüber seiner eigenen Tochter Anna massiv übergriffig. Er unterzog sie jahrelang einer täglichen Analyse und zwang sie, ihre intimsten sexuellen Empfindungen vor ihm offenzulegen – ein eklatanter Missbrauch der Vaterrolle und ein Akt emotionalen Inzests, der Anna regelrecht versklavte. Diese persönliche Grenzüberschreitung verletzte die Abstinenzregel und besiegelte das Fundament seiner theoretischen Verleugnung: Er instrumentalisierte das Erleben seiner Tochter, um seine Theorie der kindlichen Triebgier zu stützen und realen Missbrauch unsichtbar zu machen.

Ein Gesundheitssystem, das heute noch Therapeuten zulässt, die die Zusammenhänge und die neurobiologischen Grundlagen im Zusammenhang mit Trauma nicht verstehen, handelt fahrlässig und setzt eine fatale Tradition der Ignoranz fort. Da im Rahmen jeder Behandlung – völlig ungeachtet der ursprünglichen Diagnose – jederzeit verdrängtes Leid aufbrechen kann, darf Traumakompetenz kein optionales Wahlfach mehr sein. Eine radikale Reform der Approbationsordnung wäre wirklich notwendig.

Jeder zugelassene Therapeut sollte zwingend darin ausgebildet sein, neuronale Überreizungsschleifen zu erkennen und Patienten in Krisenmomenten zu stabilisieren. Wenn ein Mensch in der totalen Vulnerabilität einer Retraumatisierung nicht fachgerecht gehalten wird, sind die Folgen fatal, da das Nervensystem schutzlos in die Ohnmacht stürzt. Diese Kompetenz ist zudem die einzige Versicherung gegen fatale Fehldiagnosen:

Da sich die Symptome von Traumata oft mit denen anderer Krankheitsbilder überschneiden, führt ein Mangel an Fachwissen zwangsläufig zu falschen Diagnosen und Behandlungspöämen, die das Leiden massiv verschlimmern und schwere Krisen auslösen oder chronifizieren können. Wer falsch diagnostiziert, weil er Trauma nicht erkennt, behandelt oft auch falsch.

Nur eine Therapie, die die Biologie des Traumas endlich ernst nimmt und den Schutz der Betroffenen über veraltete, dogmatische Deutungshoheiten stellt, kann den Teufelskreis der systemischen Verleugnung durchbrechen.

Es ist Zeit für ein System, das keine „blinden Flecken“ mehr duldet und die Unversehrtheit des Menschen als oberstes Gebot über den Schutz der Täterstrukturen stellt.