Lina Hawk

Freiraum

Der Freiraum in einer Beziehung ist ein Raum mit drei Türen.

Eine Tür ist die Nähe.
Eine Tür ist die Distanz.
Und eine Tür ist der fortwährende Austausch.

Durch alle drei Türen muss man gehen, damit die Luft im Raum zirkulieren kann.

Ohne den Austausch bleiben die Schlüssel verborgen:

der Schlüssel der Fürsorglichkeit
der Schlüssel der Achtsamkeit
der Schlüssel der Reflexion
der Schlüssel der Verbindlichkeit
der Schlüssel des Vertrauens
der Schlüssel des Humors
der Schlüssel der Freude
der Schlüssel der Sinnlichkeit
der Schlüssel der gemeinsamen Vision.

Ohne Austausch kann man den gemeinsamen Raum nicht vom eigenen Raum unterscheiden.

Zu Gast im Raum des anderen zu sein, erhält ihn spannend, aber auch nur dann, wenn er diesen Raum auch allein bewohnen darf.

Weder sollten die Wände zwischen den eigenen Räumen und dem gemeinsamen Raum zu durchlässig noch zu dick sein.

Nur im fortwährenden Austausch kann man einander verstehen und auch sich selbst über den Spiegel im anderen immer besser kennenlernen.
Fortwährend deshalb, weil das Leben im ewigen Wandel ist. Wer lebt, verändert sich. Veränderung ist Lebendigkeit.
Der eigene Raum wird bunter werden, wenn der gemeinsame Raum von beiden aufgeräumt und in gegenseitiger Zuwendung bewohnt wird.

Man kann gemeinsam den Schlüssel des Vertrauens blanker und blanker schleifen, bis er irgendwann so glänzt, dass man ihn auch in dunklen Zeiten mit Tränen in den Augen wiederfindet.

Wer dich wirklich liebt, kann dich nicht nur in das gemeinsame Zuhause führen, er findet auch mit geschlossenen Augen den Weg zu deinem eigenen Raum.
Er erlaubt dir weder, dich in dem einen noch im anderen zu verstecken.

Beziehung fordert heraus. Aber sie fördert auch. Und das ist wunderbar.

Das Klammern an der Distanztür des Freiraums ist ein zweischneidiges Schwert, das verletzen kann.

Die mögliche Abhängigkeit ist die Kehrseite des Goldstücks, das deine Bedürfnisse im Austausch mit jemandem befriedigt, der einen eigenen freien Willen hat.
Aber abhängig kann man nicht nur in einer Beziehung sein. Auch die Einsamkeit kann abhängig und unfrei machen.

Niemand ist eine Insel. Spätestens im Alter erkennt man das.

Wenn man die Zeit, den Mut und die Muße investiert und neugierig aufeinander bleibt, wird der gemeinsame Raum ein Zuhause sein, das stetig heimeliger werden und dir Kraft geben kann, um hinauszujagen in die Welt.
Der oder die hinausjagt, bringt immer schöne Geschichten mit nach Haus.

Was aber macht man, wenn er oder sie jemanden kennenlernt und aus dem gemeinsamen Raum ausziehen möchte?
Dann sollte er oder sie sich fragen, was im gemeinsamen Raum gefehlt hat, bevor er oder sie auch im nächsten Zuhause versäumt, dieses Element im Beziehungsraum aufzustellen.
Ich denke, die Veränderung kann wehtun.
Sich zu verabschieden, obwohl man sich noch liebt, tut weh.
Da ist ein neuer Mensch hinzugekommen.
Aber geht es dabei wirklich um diesen Menschen?
Oder ist er nur ein Vorwand, um auszubrechen und das Sprechen zu vermeiden?
Dieser Mensch hat auch Bedürfnisse.

Jede Begegnung ist eine neue Tür mit neuen Schlüsseln.
Schlüssel sind ein Symbol für Verantwortung.

Man sollte ein Zuhause nie achtlos hinter sich lassen. Es könnte sich auch lohnen, das fehlende Element aufzuspüren und in das zu investieren, was bereits da ist.
Oder man macht ganz bewusst einen Neuanfang,
versäumt aber dabei nicht, das Verlorene
zu betrauern. Sowas braucht Zeit.

Es gibt Menschen, die wollen in mehreren gemeinsamen Räumen parallel leben.
Das, so finde ich, sollte aber mit allen Beteiligten abgesprochen sein.
Je mehr Involvierte, desto mehr Bedürfnisse, desto mehr Austausch.