Gefährliche Stigmatisierung fühlender Mitmenschen

Zum Thema ‘Verdrängte Gefühle, Narzissmus und Stigmatisierung mithilfe ungenügender therapeutischer Zuschreibungen‘:

Die angepasst-Leisen, die schweigen und hinterm Rücken urteilen, sind nicht immer die Gesünderen…

Das, was ich gleich beschreibe, wird auch durch ein zu beobachtendes gesellschaftliches Kommunikationsverhalten ermöglicht. Dieses belohnt unauthentische Zurückhaltung und bestraft Emotionalität, wenn sie herausfordernd wird. 

Oberflächlichkeit und Prokjektionsneigungen verstärken die Tatsache, dass der Narzissmus in seinen verschiedenen Formen unentdeckt oder ungestraft floriert und Depressionen zunehmen. Das natürliche Gleichgewicht leidet, und die Herzen verschließen sich mehr und mehr aus Selbstschutz und Angst vor Ausgrenzung. 

Nehmen wir eine Zuschreibung (s.u.),die Menschen in eine falsche Schublade einordnet und ihnen so die Heilung verwehrt. Wo dem Individium das Ausheilen von narzisstischen Verletzungen nicht ermöglicht wird, bekommt das ganze Kollektiv einen blinden Fleck und ermöglicht die Ursache weiterhin, um die kognitive Dissonanz zu umgehen.

Beispiel: Eine Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) wird häufig fälschlicherweise diagnostiziert, wenn die eigentliche Ursache für den Leidensdruck eigentlich eine Komplexe Posttraumatische BelastungStörung (KPTBS) nach narzisstischem Missbrauch ist. Beide Störungsbilder überschneiden sich in Symptomen wie starker emotionaler Instabilität, Beziehungschaos, Selbstverletzung und Dissoziation, was zu Fehldiagnosen führen kann.

Welche Gefühle werden systemisch abgelehnt? Besonders die Wut und die Trauer will keiner haben…

Nach narzisstischem Missbrauch gehört die Wut jedoch zum Heilungsprozess. Sie signalisiert den Übergang von der traumatischen Bindung (dem Trauma Bonding) zur Wiedergewinnung der eigenen Identität und Würde.

Hier ist eine Übersicht, warum die Wut unbedingt notwendig ist und wie sie im Heilungsprozess funktioniert:

Die Wiederherstellung von gesunden Grenzen: Narzisstischer Missbrauch verletzt die persönlichen Grenzen massiv, um den Selbstwert anzugreifen und emotionale oder gar existenzielle Abhängigkeit zu erzeugen und Kontrolle über den freien Willen zu ermöglichen. Die Wut ist ein natürlicher Impuls und dient der Abnabelung. Sie erlaubt dem fühlenden Wesen, diese Grenzen neu zu ziehen und zu signalisieren, dass die Behandlung nicht akzeptabel war und das Bedürfnis der Seele berechtigt ist.

Ende der Leugnung: Die Wut hilft dabei, die Realität des Missbrauchs anzuerkennen, anstatt ihn zu entschuldigen oder kleinzureden.

Schutzfunktion: Die Wut wandelt die ursprüngliche Opferhaltung und enttäuschte Hoffnung in Kraft um und schützt Betroffene davor, in die toxische Beziehung zurückzukehren.

Verarbeitung von Ungerechtigkeit: Die Wut richtet sich gegen die Lügen, die Manipulationen und das Unrecht, das einem angetan wurde.

Die Rolle der Wut in den Heilungsphasen: Die Heilung verläuft oft in Phasen, die denen der Trauer ähneln. Diese Phasen müssen nicht linear verlaufen. Je länger der Missbrauch andauerte oder in seinem Charakter früheren Missbrauchserfahrungen gleicht, desto langwieriger kann der Ablöseprozess dauern.

Ich bitte darum, alles, was nun aufgezählt wird, auch auf das Erkennen ungesunder Machtstrukturen anzuwenden, von denen die Persönlichkeit bislang existenziell abhängig war. 

Schock/Verwirrung (Phase 1): Das Ausmaß des Missbrauchs (Fehleinschätzung von suggerierter Wirklichkeit/Täuschung) wird erkannt.

Wut/Schmerz (Phase 2): Die Wut tritt auf, wenn der Schock nachlässt. Man wird sich der Ungerechtigkeit bewusst und ist oft wütend auf den Narzissten, sich selbst oder die Situation. Missbrauch kann auch anderen widerfahren und als Unrecht empfunden werden (Epstein, Genozid etc.)

Verhandlung/Trauer (Phase 3): Trauer über den Verlust der Illusion (kollektiver Realität mit systemischer Schutzfunktion)

Akzeptanz/Wiederaufbau (Phase 4): Die Wut verfliegt, und es entsteht eine neue Stärke.

Umgang mit der Wut: (Konstruktive Nutzung)

Es ist wichtig, die Wut nicht zu unterdrücken, da dies zu psychischen und physischen Folgen wie Depressionen, Angststörungen oder psychosomatischen Schmerzen führen kann. Wird Wut systemisch oder gesellschaftlich unterdrückt/verhindert, kann sie nicht konstruktiv genutzt werden. 

Kanalisierung: Wut kann durch Sport, Tagebuchschreiben oder therapeutische Unterstützung konstruktiv genutzt werden, um die eigene Stärke zurückzugewinnen. Betrifft die Ursache aber das Kollektiv, kann sie nachhaltig nur gemeinsam in eine konstruktive Lösung gebracht werden. Bewegung wäre hier das Zauberwort, doch viele bleiben in der verdrängenden Starre hängen und verurteilen die emotionalen Reaktionen in anderen. Der Wunsch nach offener Aufarbeitung und Auseinandersetzung wird verwehrt. Die Fähigkeit, gemeinsam stark zu werden und konstruktiv nach Lösungen zu suchen, wird unterbunden.

Richtung: Anstatt die Wut gegen sich selbst zu richten (Selbstabwertung), sollte sie genutzt werden, um die Trennung zu festigen und Grenzen zu setzen. Die Wut ist somit ein Wendepunkt, der den Weg zur emotionalen Autonomie ebnet.

Wenn an diesem Punkt verdrängt wird, Gefühle durch vermeidendes Verhalten (Sucht) verdrängt werden, wird emotionale Autonomie verhindert. 

Deshalb ist es toxisch, wenn der gesunde Ausdruck der seelischen Selbstheilung als Persönlichkeitsstörung oder anders “toxisch“ geframed wird, vor allem von der Instanz, die um Hilfe aufgesucht wird (Therapeuten oder Mitmenschen bzw. Menschen, die systemisch mächtiger sind. Verwehren diese die Auseinandersetzung, missbrauchen sie ihre systemische Macht. Verurteilen sie, ohne ein umfangreiches Verständnis für die tatsächlichen Ursachen anzustreben und somit Mitgefühl zu üben, wenden sie ungerechte Gewalt an).

In systemischen Dynamiken vererben sich Traumata, wenn sie nicht geheilt werden, und mit ihnen auch jene verdrängten Gefühle, die zum Heilungsprozess dazugehören. Das wichtigste von ihnen ist die Wut. Sie bewacht die Traurigkeit, die Mitgefühl braucht. Nur wer nicht verurteilt, verdient Vertrauen. 

Die hochsensiblen bzw. neurodivergenten Gehirne und die emotionale Schwingungsfähigkeit in Symptomträgern werden nicht achtsam anerkannt. Stattdessen pathologisieren die “Zurückhaltenden“ jene, die Gefühle noch zulassen können. Das ist tragisch kontraproduktiv für die gesamte Gesellschaft, denn diese übersieht das eigentliche Problem: die Folgen narzisstischer Misshandlung und vermeidender Abhängigkeiten für die Menschen. Das Ungleichgewicht, das entsteht, wenn das Weibliche im Menschen (Gefühle und Intuition) nicht erlaubt wird und sich die Herz-Hirn-Kohärenz nicht entfalten kann.  Durch ihr Fehlen kann wahre Intimität auf Seelenebene nicht aufblühen und das Urvertrauen in die Mitmenschen bleibt erschüttert. 

Die Gesellschaft stumpft immer mehr ab und jene, die noch fühlen können, ziehen sich zunehmend zurück, um Frieden zu finden und dem Feld der kollektiven Verdrängung nicht weiter ausgeliefert zu sein. In ihm suchen all die ungewollten Emotionen anderer nach einem Ausdrucksventil.

Ich habe eine gesunde Skepsis gegenüber der schnellen Diagnosebereitschaft bestimmter Klassifizierungen, die ja von Krankenkassen vorgeschrieben wird, um Anträge zu genehmigen, die eine kassenfinanzierte Therapie ermöglichen.

Solange nicht alle therapeutisch Tätigen eine Traumatherapieausbildung machen müssen, um feinsinnige Differenzialdiagnosen stellen zu können, stehe ich dieser gängigen Praxis mit Vorbehalt gegenüber, denn Therapeuten sind existenziell davon abhängig und unter Druck, schnell zu benennen, was sie u.U. noch gar nicht umfassend genug ergründet haben. 

Der Nocebo-Effekt ist real und kann Heilung verhindern.

Aber auch Menschen, die ihr reduziertes Einordnen einer Wirklichkeit verteidigen, in der einfache Schemata greifen, komplexe Zusammenhänge negiert werden und vermeintliche Vorbilder und Mächtige sich in Wirklichkeit an Frauen und Kindern vergreifen und Menschenrechte brechen, muss geleugnet werden, um den dissoziierten Scheinfrieden zu wahren und sich Fehleinschätzung men der Wirklichkeit und das ungesunde Vermeiden nicht eingestehen zu müssen.

Das Ego hat Angst, die Kontrolle über die unterdrückte Seele zu verlieren und sich unsicher zu fühlen. Es will immer in seiner maskierten Selbstwahrnehmung bestätigt werden. Der verdrängte Schmerz soll gedeckelt bleiben. Dann ist es leichter, auf jene mit dem Finger zu zeigen, die auffällig werden, denn sie bedrohen die Inkongruenz und ungenügende Selbstbilder.

Inkongruente Menschen können nie als die geliebt werden, die sie wirklich sind. Sie lieben sich selbst nicht, denn sie wollen sich nicht kennen- und lieben lernen. Und viele fürchten sich davor, verlassen und abgelehnt zu werden, wenn sie es wagten und sich authentisch zeigten.

Die größte Kraft aber lebt in der Authentizität. Ohne sie hat die Liebe keine Chance. Niemand muss für Leute zur Verfügung stehen, die sich einer ehrlichen Auseinandersetzung verweigern und das Echte in anderen zum Schweigen bringen wollen, indem sie sie vorverurteilen, ohne sich für das wahre Empfinden der Seele im Gegenüber zu interessieren. Es interessiert sie nicht, und deshalb ist ihr Schweigen auf subtile Art und Weise brutal. Es bezweckt, passiv aggressiv zu bestrafen und mithilfe der kollektiven Macht zu erziehen – gefügig zu machen. Diese Intention nimmt sich heraus, die Freiheit anderer einzuschränken und ihre Individuation zu stören.

Es ist aber kein Zeichen geistiger Gesundheit, sich an eine Gesellschaft anzupassen, die seelisch erkrankt ist. (Krishnamurti)