Die Momo in jedem von uns

 

Wir sind umgeben, von Instanzen und Persönlichkeiten, die jede Chance auf Kommunkation und Informationsverbreitung dazu nutzen, unsere freie Entscheidung zu beeinflussen und unsere Ausrichtungsenergie gelenkt zu investieren. Es wird ein Rahmen erschaffen, der uns die Wirklichkeit durch die Reduktion von Variablen eng erscheinen lässt.

Die Hegel‘sche Dialektik verkauft uns zwei Perspektiven als die einzig möglichen und verführt uns dazu, uns freiwillig auf eine von beiden einzulassen, indem uns die andere so präsentiert wird, dass wir sie nicht in Betracht ziehen möchten.

Doch nähme man den Rahmen weg – schaute man aus einer größeren Distanz darauf – ließe man sich nicht ein auf die Darstellung von Wirklichkeit, die diese Person oder Instanz uns verkaufen will – ginge ein Licht auf, wüchse der Bezugsausschnitt an, und es würde glasklar werden:

Es gibt immer mehr Möglichkeiten als nur zwei, und diese wahrzunehmen, erfordert Imaginationskraft, Kreativität und ein lebendiges inneres Kind. Es braucht noch nicht gänzlich geheilt sein, aber es muss fühlen dürfen.

Der Mut zum Träumen wird Dir abtrainiert oder erstickt – in der Ermüdung oder gar Erschütterung. Der zivilisatorische Burnout zieht uns nach unten, wenn wir realisieren, dass man uns Dinge verschwiegen oder falsch dargestellt hat, um uns unseren freien Willen zu nehmen und uns in die Einlassung hineinzutricksen. Die ganze Werbeindustrie lebt von dieser Dynamik, und die grossen Vorhaben der elitären Kreise, die den Einzelnen im Kollektiv dazu bewegen, zu partizipieren, werden mit ausgefeilten Marketingkonzepten kommuniziert.

Wir werden systemisch darauf gedrillt, uns einen USP zuzulegen und in einem Absatz beschreiben zu können, was wir anstreben… wofür wir Bestätigung und Kundschaft verdienen. Alles für das Geld, das schon lang nicht mehr in Gegenwerten messbar ist… das immer weiter in den Bereich der kollektiven Psychose gedrängt wird, da man ihm den Aspekt des Greifbaren nehmen will, um die freie Wahl des Investments transparent für jene zu machen, die an der Spitze der Macht davon profitieren, dass die Menschen ihre Träume vergessen oder durch ihre Compliance seelisch ausbluten. Die Fleischroboter müssen strategisch verwaltet werden, um die Effektivität der Arbeitsprozesse nicht zu stören. Die Kühlkette darf nicht unterbrochen werden.

In seinem Roman MOMO hat uns Michael Ende das Zinsgeldsystem in einer Geschichte erklärt, die uns ein Fenster öffnet. Mit der Lüge, die besagt, dass Lebenszeit mit Geld gleichzusetzen wäre, wurden alle Bewohner des kleinen Örtchens dazu gebracht, sich nur noch dem Streben nach Ersatzwerten zu widmen, anstatt einander im schlichten Sein zu begegnen.

Nur eine von ihnen war immun gegen den Zauber der grauen Verführer und frei, selbst zu entscheiden. Sie musste sich nicht vornehmen, sich abzugrenzen, denn ihr offenes und reines Herz kannte sogar Mitgefühl mit den – an der Zigarre saugenden – Ekelgeistern von der Zeitsparkasse, bis sie irgendwann erkennen musste, dass diese sie jagen wollten. Momo glaubte nicht an einen inneren Mangel, und an ihrer Gewissheit war nicht zu rütteln. Der Mangel aber ist der Motor der Jagd nach dem Ersatzwert. Die Spanne des Lebens wird abgerechnet, weil jene, die sie besitzen, den Wert der Leere nicht begreifen und sich selbst in ihr fürchten. Sie laufen nicht nur davon, sondern hin zum angebotenen Substitut. Es wird eine Abhängigkeit erzeugt, die uns den wahren Charakter unserer angeborenen Freiheit vergessen lässt.

Die Liebe zu priorisieren und sich frei für sie zu entscheiden, birgt die Macht, jeden engen Kasten zu sprengen und die Sucht nach Vorhersehbarkeit zu überwinden. Die Illusion der Sicherheit durch eine Fata Morgan’sche Reduktion aller Möglichkeiten kann sich jener nicht bemächtigen, die in der Weite ihres Brustraums zuhause sind. Die große Täuschung erscheint ihnen eher als Irritation denn als erstrebenswert.

Ich habe in den letzten Jahren immer mehr Distanz gewonnen und sehr oft an die Szene im Film zum Buch gedacht, in der Momo Kontakt zu ihren Freunden herstellen wollte und nichts als eine geschäftige Abwesenheit ihr antwortete. Die Leute sahen mehr und mehr durch sie hindurch. Sie wurde in ihrer wahren Essenz gar nicht mehr gesehen, obwohl sie die einzige war, die noch wirkliche Präsenz zeigte. Wer nichts leistete, war plötzlich unwichtig.

Und dann die Anreize, die ihr vor die Füße geworfen wurden: roboterartige Barbiepuppen in Lebensgrösse, die immer wieder die selben Phrasen droschen und – befreit von jedwedem Spiegelneuron und menschlicher Wahrhaftigkeit – ihr einen Schauer über den Rücken laufen ließen, statt sie – wie geplant – zu hypnotisieren. Diese Puppen waren kostenlos, doch sie wurden ihr nur geschenkt, um sie zu betäuben und ihr ihre Fähigkeit, zu träumen, zu amputieren.

In einer flackernden Welt, die nur mit Anreizen zusammengehalten wird, die uns aus der Tiefe und Geduld in die schnelllebig-flache Perspektivlosigkeit hineinverführen, sind die Momos unerwünscht. Man kann sie nur brechen, indem man ihnen ihre Herzen bricht. Man sendet ihnen keine Ersatzfiguren aus Gummi mehr. Die Agenten der Zeitsparkasse verkleiden sich heute auch diffiziler als die Herren in der Geschichte es taten. Wer die Momo in Dir in eine Einlassung hineintricksen will, um sie zu betäuben und sie ihren Traum vergessen zu lassen, muss ihr einen Schutzrahmen versprechen, in dem sie sich fallen lässt. Dann nimmt man ihn ihr wieder weg, damit sie sich so erschreckt, dass sie sich im Unverständnis verliert.

Momo tut alles für ihre Freunde. Hat sie einen Menschen lieb gewonnen, lässt sie ihn nicht im Stich, bis sie selbst im Stich gelassen wird und die Liebe loslassen muss, obwohl ihre Loyalität es ihr verbieten will. Der innere Konflikt entsteht, wo der Bezugsraum sich in Luft auflöst und die Liebe nicht mehr gespiegelt wird. Dieser Variablen hat Michael Ende in seinem Buch ein Gesicht verliehen:

Gigi verfiel dem Ruhm und reduzierte sich selbst auf eine Figur, deren Schaffenskraft auf das zu vermarktende Produkt zugeschnitten wurde wie ein Bonsai. Er verleugnete Momo, um Karriere machen zu können, und sie blieb erschüttert zurück.

Als niemand mehr übrig war, auf den sie sich noch hätte beziehen können, begegnete ihr die Schildkröte und brachte sie zum Hüter der Zeit – einer göttlich weisen großväterlichen Wohlgesonnenheit, die jenseits der linearen Zeit ihre Lebensblume behütet.

In der Geschichte wird uns eine Lösung angeboten: Die künstliche Zeit anzuhalten und uns auf das zu besinnen, was ein Leben ermöglicht, in dem wir einander vertrauen und stets frei entscheiden können, weil uns niemand mehr belügt, um uns das Licht unserer Lebensblume zu rauben, ist der einzige Weg.  Er führt uns heraus aus dem sinn- und verbindungsbefreiten Existieren in einer künstlich erschaffenen Un-Realität – hin zu einer bislang unbeschriebenen neuen Dimension. Sie ergibt sich aus unserer Vorstellung und aus unserem vertrauensvollen Zuwenden. Aus der konstruktiven, lösungsorientierten Vision entsteht eine greifbare Welt der Wunder, die sich aus unser aller Vorstellung materialisiert hat.

Eine Alternative zu kreieren, sollte nicht die Aufgabe von grauen Herren in technokratischen Palästen sein, sondern die heilige Mission unserer inneren Kinder. Es wird Zeit, dass wir uns den nötigen Raum aus dem Kontinuum der Vergänglichkeit herausschneiden und unsere Phantasie wieder freilegen. Wir müssen all die Verirrten loslassen, die im Netz des Scheins verloren gingen und uns vergessen wollten, um die Angst und sich selbst nicht spüren zu müssen. Wir müssen den freien Willen auf die ewig währende neue Liebe ausrichten, die immer noch möglich ist, und träumen…

Wir müssen ruhig werden und besonnen bleiben, wenn man uns unter Druck setzt oder verrät. Eine Atmosphäre des Zwangs und der Verachtung zu überleben, ist nur die vordergründige Herausforderung. Das, was uns wirklich am meisten auf die Probe stellt, ist die verhinderte Beziehung, das entwürdigende Weggeworfen werden, die Entweihung des Vertrauens. Nach dieser Katastrophe die Hoffnung am Leben zu erhalten, ist der Endgegner.

Wer in den letzten Jahren Freunde und Familie verlor, weil er seine Wahrheit im Herzen nicht an die Konformität verraten konnte, weiß, wovon ich spreche. Wer einem Seelenjäger sein Herz geschenkt hat und einen finalen Sturz in die bodenlose Weite des Alls überleben musste, um für ein (inneres) Kind zu sorgen, hat den Ort entdeckt, wo Meister Hora zuhause ist: das Innen – den Horizont der Seele.

Wir sollten uns nicht beirren lassen von all den Bildschirmen und Informationshäppchen. Wir dürfen uns unsere Gabe, eine Welt zu imaginieren, in der Freundschaft, Liebe, Frieden und loyale Verbindungen ein Netz aus Licht spannen, das niemanden von uns fallen lässt, niemals nehmen lassen. Dafür müssen wir bereit sein, zu kämpfen: bestimmt und unerschütterlich, sanft und doch autoritär. Es ist nun an der Zeit, die künstlich erschaffene von der natürlich wirksamen Autorität unterscheiden zu lernen.

Die Würde des Menschen bleibt nur unantastbar und uns erhalten, wenn wir sie uns bewusst und mit aller Freiwilligkeit bewahren.