Lina Hawk

Black Friday und der Weihnachtswahn

Die Weihnachtszeit voll Konsum und Geschenkewahn geht in eine neue Runde.
Ist Euch dabei schon einmal aufgefallen, dass es Angestellte im Einzelhandel gibt, die nicht nur die zwei Stunden beim Einkaufen sondern den ganzen Tag und auch außerhalb der Weihnachtszeit dort stehen müssen?
Ich beobachte oft, wie diese Leute wegen unwichtigem Kram angeranzt werden. Ich sehe ihre verschlossenen Gesichter, wenn sie an der Kasse sitzen oder Regale auffüllen. Warum schützen sie sich vor den Kunden?

Ich höre oft diesen Unterton in der Stimme, wenn im Restaurant die Kellnerin die Bestellung vom gehobenen Gast aufnehmen muss oder die Schuhverkäuferin am Tresen der Dame mit Brieftasche mehrere Produkte zur Schuhpflege anbietet, während diese ihre unsichtbar gehobene Augenbraue in ihre Stimmfarbe einfallen lässt.
Bei Zara werden Duplikate von Designerklamotten verkauft. Da hängen dann aber nicht nur hundert Teile im Laden sondern dreißigtausend. Man lässt die Sachen in der Umkleide liegen, vom Bügel rutschen und behandelt die Frau in der Sklavenuniform wie eine Bedienstete. „Ist ja deren Job, mir meinen Kram nachzutragen und immer freundlich zu bleiben, egal wie unfreundlich ich bin.“
Der „Black Friday“ war ursprünglich übrigens ein Ausverkauf für jene Sklaven, die schwächlich oder krank waren und zuvor stehengelassen wurden, weil sie nicht leistungsfähig genug waren, um ihren Preis zu rechtfertigen. So wurden sie am Ende verramscht wie Vieh. Wie ich zur Viehhaltung stehe, bespreche ich in anderen Aufsätzen… Ein Freund hat mich letztens auf den ursprünglichen „Black Friday“ aufmerksam gemacht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Werbefuzzi, der sich diesen Mist einfallen ließ, das wusste. Wie sonst hätte er auf diese Kombi (schwarz und Freitag) kommen sollen? Normalerweise schreibt man Angebote doch in knalligen Farben, nicht wahr? Zu einem derart rassistischen Werber fiele einem wirklich nichts als Fäkalsprache ein.
Aber so weit hergeholt ist das eigentlich auch wieder nicht. Wie sieht es denn mit der modernen Sklaverei aus?
Die Sklaven werden nicht mehr eingeschifft und in Ketten auf den Marktplatz gedrängt. Nein,  die modernen Sklaven arbeiten in ihrer Heimat für uns: https://www.globalslaveryindex.org/
Heutzutage gibt es Möglichkeiten, herauszufinden, welche modernen Sklaven wo für welches Produkt gearbeitet haben: http://slaveryfootprint.org/#where_do_you_live
Wieviel Leute engagieren sich mündlich für die „Black Lives Matter“ Bewegung, kaufen aber bei KIK, H&M und anderen Ketten ihre Kleidung ein? Womit wir wieder beim Einkaufen wären:
Ich schäme mich fremd, wenn jemand Gefällesituationen im Einzelhandel oder im Restaurant ausnutzt, um sich selbst zu überhöhen.
Arm ist eigentlich der, der sowas nötig hat!
Sklave ist eigentlich der, der die Materie über seine Mitmenschen stellt.
Das liegt, denke ich, daran, dass es vor allem viele Akademiker gibt, die nie in der Gastro, in der Logistik oder im Verkauf arbeiten mussten (oder es verdrängt haben, weil die Studentenzeit lang her ist) und sich, oft vollkommen unreflektiert, für Angehörige einer besseren Kaste halten.
Ich komme aus so einem Elternhaus und hab mit dieser Tradition gebrochen.
Ich hatte unzählige Jobs und habe viele Erfahrungen mit den unterschiedlichsten Menschen sammeln dürfen. Nicht nur die Kunden waren oft unfassbar arrogant und unverschämt. Auch Kollegen können, vor allem in Großkonzernen, echt unfreundlich sein, weil sie oft Gründe bei anderen suchen, warum sie innerlich unzufrieden sind.
Es liegt am System. Das verstehen aber die wenigsten, weil sie sich nicht damit beschäftigen oder egomane Schlüsse aus der Beschäftigung damit ziehen.
Gerade die Menschen, die die Gesellschaft am dringendsten braucht, werden schlecht bezahlt (Bezahlung ist auch ein Teil der Wertschätzung) und ausgebeutet.
Auch Musiker, Schauspieler, Schriftsteller und bildende Künstler geben so viel, leben oft am Existenzminimum. Sie schenken der Gesellschaft ihr Herzblut, ihre Zeit, sie sind häufig mit Existenzängsten konfrontiert, und selten sehen Menschen, was für Arbeit und welche Kraft aufgebracht wurden, um diese Lebensentscheidung durchzuziehen und andere Menschen ihren harten Alltag auch mal vergessen zu lassen, ja sich sogar vergleichend von Ihnen beurteilen zu lassen.
Manchmal ist Ottonormalbürger oder Kritiker darauf sogar noch neidisch, als wäre das eine Art verlängerte Kindheit, als wollten diese Leute nicht erwachsen werden. Dabei übernehmen Sie die volle Verantwortung für Ihre Gabe und leben sie aus. Ich nenne das mutig.
Dann die Altenpfleger, die Krankenschwestern, die Putzfrauen in den Krankenhäusern, die LKW-Fahrer, die Lagerarbeiter, die man im Laden nicht einmal sieht…
wer macht sich schon (ja, auch in der Weihnachtszeit) Gedanken um sie oder setzt sich vor der Politik für diese Menschen ein?
Das ist ganz schön traurig, aber das hat auch einen nachvollziehbaren Grund.
Viele Menschen sind kurz vor der Alltagsüberforderung und halten den eigenen Kopf über Wasser. Und das liegt wiederum auch am (Geld-)System und daran, dass die Menschen es nicht wirklich verstanden haben und manipuliert werden.
Ich bin dankbar dafür, den „einfachen“ Teil der gesellschaftlichen Dynamik gut kennengelernt zu haben.
Ich werde dieses Lebensgefühl niemals aufgeben. Die Bescheidenheit und die Fähigkeit, mit einem unvoreingenommenen Blick auf jeden zuzugehen, lernt man nicht, wenn man immer oben schwimmt und runterschaut.
Als Elternteil wünscht man sich das Beste für sein Kind. Ich verstehe das. Meine Tochter geht nun in die Grundschule.
Man wünscht sich, dass das Kind da draußen bestehen und für sich selber sorgen können möge. Aber es gibt auch jede Menge Leute, die mit ihren Kindern angeben wollen.
Sie wollen die besten Chancen und einen guten Status für das Kind. Man wünscht sich das, wenn man ihn sich selbst erarbeitet hat oder bereut, dass man ihn sich nicht erarbeitet hat. Aber nur dann, wenn man den Status und die Sicherheit an die erste Stelle setzt. Das tue ich nicht.
Ich wünsche meiner Tochter den gehobenen Status oder den Ruhm nur, wenn sie genau das findet, was sie beim Ausüben ihrer Arbeit lebendig fühlen lässt und der Status eine Begleiterscheinung davon ist. Aber ich bringe ihr die Augenhöhe und den Respekt bei. Das ist viel wichtiger als angeben zu können.
Lebendig fühlt man sich nicht, wenn man nur funktioniert und die Erwartungen anderer erfüllt, weil man sich selbst in diesem Fall nie wirklich kennenlernt.
Ich muss sagen, dass die Begegnungen mit Menschen mich wirklich glücklich machen. Mir ist überhaupt nicht wichtig, wie der gehobene Bürger mich beurteilt. Ich beurteile niemanden nach dem, was er tut. Ich frage auch in Smalltalksitiationen nicht gern danach.
Mich interessiert viel mehr, was jemand menschlich auf der Kappe hat und welche Strategien er entwickelt hat, um seinem Leben etwas abzugewinnen, das ihn erfüllt, unabhängig davon, was er damit verdient.
Ich sage auch, was ich politisch denke, weil ich nicht um meine Karriere fürchten muss.
Ich lerne stetig dazu (das Lernen ist für mich ein Hauptgrund, zu leben) und setze mich mit Werten auseinander.
Ich denke, am Ende eines Lebens blickt man entweder auf das zurück, was man menschlich erreicht und wie man sich verbunden hat, oder man merkt, dass man sich an Besitz und Status geklammert hat, obwohl sie eigentlich nicht viel bedeuten. Sicherheit ist nicht das Leben.
Das Leben ist Veränderung.
Natürlich müssen die Grundbedürfnisse abgedeckt sein, um einigermaßen und angstminimiert leben zu können. Das ist der Spagat.
Doch ich folge weiterhin im Zweifel dem Credo: „innere vor äußere Werte“.
Leider, und das ist die andere Seite, zieht – besonders in der Adventszeit – gerade der Einzelhandel oft Menschen an, die den äußeren, materiellen Werten mehr zugeneigt sind als den inneren. Das hat die Werbeindustrie mit ihrer Kaufrauschpsychologie gut eingefädelt.
Der Budni-Verkäufer sollte sich auf das eine Lächeln und den einen Blick auf Augenhöhe konzentrieren, der ihm vielleicht einmal die Stunde begegnet und die zwanzig anderen Brummelköppe hinter eine imaginäre Glaswand stellen.
Sei der/die Eine die Stunde.
Schenke den Menschen ein Lächeln in der Weihnachtszeit.
Ein kleiner Tipp am Rande:
Geschenke minimieren und lieber Gutscheine für Verabredungen verschenken.
Verschenkt Eure Zeit.
Die Euros sollten Mittel zum Leben sein und nicht umgekehrt.
 
Eure Lina