Die Waage der Zuneigung

 

Ein Ausdruck von Selbstliebe ist, sich auf eine gesunde Balance in Beziehungen zu fokussieren. Je mehr man die Zeit mit sich selbst zu schätzen lernt, desto mehr fällt einem auf, ob Menschen, mit denen man verwandt oder befreundet ist, die auf sie bezogene Widmung als selbstverständlich nehmen und nach ihren Bedingungen für sich beanspruchen oder auch auf ihr Gegenüber schauen.

In der Welt der zivilisierten Marktwirtschaft tendieren die Zahnräder im Uhrwerk dazu, nur das respektvoll wertzuschätzen, was abgerechnet werden kann. Und selbst wenn man menschliche Zuwendung nicht unter ‘Dienstleistung‘ verbucht, merken sich die Leute, was sie anderen zuliebe getan haben, ohne es eigentlich zu wollen, damit sie mit der Gegenleistung rechnen können, wenn es so weit ist und SIE entscheiden, abrechnen zu dürfen.

Das ist die Schneide: Auf eine gesunde Balance zu achten, bedeutet nicht, andere bestimmen zu dürfen. Freundschaftliche und intime Beziehungen sollten auf Freiwilligkeit beruhen. Um letztere zu gewährleisten, ist die Ehrlichkeit das A und O.

Doch wer nicht ehrlich mit sich selbst ist, kann es auch nicht mit anderen sein. Erwarte nicht, dass jemand Dir zurückgibt, was Du selbst ungern gegeben hast. Das ist keine Liebe. Das ist unehrlicher Selbstbetrug.

Wenn Du aus dem freien Flow heraus mit natürlichem Drang einen Menschen so annimmst, wie er ist, und ganz hinter ihm stehst, ist es eine Freude, für ihn da zu sein – im Tränenmeer wie auch im Tanz. Aber merkst Du, dass Du Dich gerade eigentlich nicht mit Deinem Gegenüber befassen kannst oder möchtest, übergeh das nicht und sei ehrlich. Nur so findet auch Dein Gegenüber heraus, ob es sich auf Dein echtes Ich beziehen möchte. Fehlt hier eine Kontinuität, auf die man sich verlassen kann, ist ein Vertrauensaufbau schlicht unmöglich. Täusche aber diese Verlässlichkeit nicht vor, nur weil Dir einfach in dieser Saison danach ist.

Hinterlässt Du in einem Menschen die Hoffnung auf Anbindung, indem Du den Eindruck erzeugst, jetzt und auch zukünftig in Situationen und Lebensentscheidungen für ihn da sein zu wollen, die energetisch nicht zu den Deinen passen und an Deinen Frequenzen zerren, bist Du nicht wirklich für ihn da – Du tust nur so als ob. Und das ist fatal.

In Familien wird es noch kniffeliger. Es gibt sehr viele Leute, die glauben, dass allein das Blut dazu verpflichtet, Zeit und Präsenz zu teilen, egal wie man sich dabei eigentlich fühlt. Kinder geben Dir im Alter das zurück, was Du ihnen in ihrer Kindheit geschenkt hast. Hat es in den – die Persönlichkeit prägenden – ersten Lebensjahren Vernachlässigung und vielleicht sogar Ausgrenzung und/oder psychische bzw. körperliche Gewalt gegeben, muss man sich nicht wundern, wenn von fehlender Liebe keine Liebe zurückkommt. 

Ein Mensch öffnet sich da, wo er sich gesehen fühlt. Schätzt er dies aber falsch ein, weil man ihm nur etwas vormacht, wird sein Urvertrauen in andere erschüttert, sobald die Wahrheit herauskommt – und die kommt immer irgendwann heraus: in einem Streit oder in Resonanz auf ein Bedürfnis nach Klarheit, die zum Beispiel das öffentliche Stehen zu dem, was behauptet wurde, abverlangt.

Öffnest Du Menschen Dein Herz, die sich nur auf Teile Deiner Persönlichkeit beziehen oder Dich auf Deine stofflichen Vorzüge reduzieren, Dir aber weismachen, dass sie Dich als Ganzes schätzen, wird Lebenszeit vergehen, die Du als verloren erspüren wirst, sobald Du merkst, dass jemand unehrlich mit Dir war. 

Wir können vorher nie prüfen, ob jemand die Wahrheit sagt oder verbiegt, aber wir können uns vornehmen, selbst authentisch zu sein und zu unseren Grenzen zu stehen, damit andere nicht mehr von uns erwarten, als wir geben können, und auch Kenntnis davon erlangen, was wir brauchen und voraussetzen.

Viele glauben ja, dass nur die ’bedingungslose’ Liebe eine echte Liebe wäre. Ich glaube, dass diese Haltung sehr infantil ist. Sobald Du Deine Kinderstube verlässt – gesetzt den Fall, Du hattest Glück und wurdest so von Deinen Eltern geliebt – fordert das Ideal der bedingungslosen Liebe von anderen ein, keine Erwartungen an eine Beziehung (egal welcher Art) mit Dir zu haben. Aber wer keine Erwartungen in zwischenmenschlichen Beziehungen haben darf, muss seine Bedürfnisse verleugnen. Wer das von Dir verlangt, ist nichts als egoistisch und liebt Dich gar nicht.

Viele sind unbewusst ichsüchtig, weil sie Angst davor haben, für ihre Bedürfnisse einzustehen und klar zu machen, wie weit sie – in der Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer – gehen können und wollen. Das klingt paradox, ist aber so, weil es ein Ausdruck von Kontrollsucht ist, den anderen in seiner freien Entscheidung zu beeinflussen, indem man Teile der Wahrheit auslässt. Das Ego ist genau der innere Anteil, der hier agiert. Das kann unbewusst geschehen, ist aber selbst in diesem Falle äußerst destruktiv und verhindert die Liebe, die tatsächlich heilen kann. Ein negativer Nachklang in dieser Dynamik ist, dass man sich nie wahrhaftig geliebt fühlen kann, wenn man sich die Zuneigung ergaunert. Man fühlt sich ja doch nie ganz geliebt, weil der andere sich letztlich auf etwas Unauthentisches bezieht. Er kennt ja nicht die ganze Wahrheit.

Sind wir nicht ehrlich mit uns selbst und verstecken wir uns in dieser zurechtgebogenen Enge der Scheinbeziehung vor unseren inneren Wunden und den dahinter verborgenen Urbedürfnissen, können wir niemals herausfinden, was wir brauchen, geschweige denn dies auch ausdrücken. 

Erwartest Du bedingungslose Liebe, musst Du selbst den Deal auch bedienen und diese geben, selbst wenn es Deinem Inneren gegen den Strich geht. So sind Konflikte vorprogrammiert. Und wenn man diese dann unterdrückt, um den Schein aufrechtzuerhalten, gären sie im Inneren vor sich hin und erzeugen Symptome.

Wer nicht fürsorglich mit sich selbst ist, kann auch nicht fürsorglich mit anderen sein. Und wenn man Dir in der Kindheit nie vorgelebt und praktisch beigebracht hat, auf Dich selbst zu achten, ist es nicht die Aufgabe anderer, diesen Mangel in Dir auszugleichen – es ist Deine eigene. Um das zu lernen, braucht es Geduld und gute mitfühlende Gespräche mit Menschen, die nicht nur unbewusst nehmen, sondern auch geben – nicht weil sie es sich gedanklich vornehmen, sondern weil ihr Herz sich dazu entscheidet.

Jede Form von Beziehung, die auf der einen Seite mit dem Herzen genährt wird und auf der anderen nur für das Bestätigen des Ego und/oder die Co-Regulation verwendet wird, ist ungleich verteilt und ungesund.

Wie bauen wir ein gespiegeltes Bewusstsein auf, das es für einen gleichberechtigten Bezug braucht? Indem wir uns selbst kennenlernen und mitteilen… und indem wir uns dafür entscheiden, den anderen dabei zu begleiten, sich ebenfalls von dem zu entschälen, was künstlich antrainiert wurde, um gemeinsam freizulegen, was tatsächlich im Kontakt glücklich sein kann. Und erst DANN kann man gemeinsam etwas aufbauen, das beiden gerecht wird.