Das Problem mit dem doppeldeutigen Wording

Ich möchte einen Artikel der Nachdenkseiten verlinken (s.u.) und anmerken, dass ich mit einer Begrifflichkeit darin etwas anecke. Warum?

Auf einmal ist der “Ausländer“ staatlich legitimiert “böse“. Er muss – um dieser Definition gerecht zu werden – halt nur aus dem Ausland – also aus der Ferne – auf die freie Meinung der Menschen mit deutschem Pass einwirken. Im Inland wirkt der Geheimdienst stets zum Wohle “unserer Demokratie“. Nur die “ausländischen“ Geheimdienste sind gefährlich, wobei auch nicht alle… ist das verwirrend! 

Aber dass man ein gewisses Misstrauen gegenüber staatlichen Würdenträgern und auch gegen die Mehrheit seiner Mitbürger entwickelt hat, kommt natürlich nur durch “falsche Berichterstattung“ und nicht daher, dass von den zu beobachtenden investigativen Journalisten über reale Ereignisse mit tatsächlichen Verantwortlichkeiten geschrieben wurde bzw. wird. Jeder, der z.B. Fragen zu den sogenannten “Maßnahmen“ und zu den durch diese erwirtschafteten Profite hat, ist Opfer von “ausländischer“ Desinformation geworden.

Was fällt den Journalisten eigentlich ein, als Vertreter der vierten Gewalt den Machtausübenden genauer auf die Finger zu schauen?! Unerhört und natürlich im Sinne des bösen Russen!

Wer Frieden und Transparenz will, ist heutzutage schon verdächtig und bewegt sich gefährlich nah an das rechte Lager heran!

Bitte was???!!! Als ich noch dachte, ich könne mich politisch eher Links verorten, waren die Friedensliebe und die politische Rechenschaftspflicht noch etwas vollkommen Linksnormales. Die Welt steht Kopf! Ich lege doch nicht meine ethischen Werte ab, weil jemand, der einen Einfluss auf linke Medien hat, nun das Linkssein umdefiniert. Ich muss nicht weiterhin zur selben Gruppe dazugehören, um meine Überzeugungen zu vertreten. Ich muss zu gar keiner Gruppe gehören, um die Wahrheit in meinem Herzen anzuerkennen.

Ich fasse zusammen, was der unten verlinkte Artikel darlegt: Wer “Ausländern“ IN Deutschland misstraut, ist ein “Nazi“. Wer aber die “ausländische Einflussnahme“ auf die eigene Meinung zulässt (sofern sie aus dem Ausland gesteuert wird – und das sollte ja eigentlich erst einmal bewiesen statt nur behauptet werden), ist auch potenziell einer (ein “Querdenker“, “Aluhutträger“, “Impfgegner“, “Putinversteher“, “Blinddarm“, “Idiot“ etc. Ihr wisst schon). Der wählt ja dann eventuell auch noch konservativ. Gott bewahre! Wir wissen ja, welches Etikett die AFD verliehen bekam. Genau. “Nazi“ eben.

Für meinen Geschmack wird mit dieser Bezeichnung (erwähnte ich sie schon? “Nazi“) viel zu inflationär um sich geworfen. Vergleiche in diese Richtung werden heutzutage streng geahndet, zumindest wenn sie aus der Freidenker-Szene kommen: NS-Verbrechen zu verharmlosen ist strafbar. In diese Kategorie fallen auch Vergleiche, die in ihrer Schwere nicht gleichzusetzen sind und somit die von Nazis begangenen Gräueltaten auf eine Stufe mit aktuell beobachtbaren Phänomenen stellen. Zumindest in der Theorie ist das so. In der Praxis misst man nicht selten mit zweierlei Maß.

Ich wähle nicht. Deshalb betrifft mich dieses ganze “Nazi“-Shaming nicht. Ich wundere mich nur darüber, dass Menschen nichts mehr infrage stellen dürfen, seitdem Wieler in der Pressekonferenz zu den Corona-Maßnahmen uns befohlen hat, das jetzt einfach so zu machen, ohne nach den belegbaren Gründen und Daten zu fragen, die bis heute nicht in einem gegebenen Umfang öffentlich-rechtlich betrachtet werden, wenn sie nicht in die Agenda passen.

Ich komme durcheinander mit all den Zuschreibungen. Aber ich bin vielleicht mittlerweile auch nicht mehr geübt genug im sozialen Austausch mit genehm informierten Richtigdenkern. Ich hab mich langsam an die neunormale Absonderung gewöhnt und bin dabei in guter Gesellschaft – nämlich gern für mich und im Frieden damit. Herrlich!

Nun noch der Link zu dem angesprochenen Artikel:

Im Zweifel war’s der Russe: Bundesregierung steigert Ausgaben für Maßnahmen gegen „Desinformation“ um 455 Prozent

Die Antworten der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage zu Maßnahmen des Bundes gegen sogenannte „Desinformation“ geraten zu einem Offenbarungseid. Aus den Antworten ergibt sich unter anderem, dass die Bundesregierung auf Grundlage einer höchst fragwürdigen Definition die Finanzierung für Projekte mit Schwerpunkt „Desinformation“ in einem gigantischen Ausmaß gesteigert hat. Gefragt nach konkreten und aktuellen Fällen von „Desinformationskampagnen“, zeigt sich die Bundesregierung noch nackter als im Falle jenes Kaisers im legendären Märchen von Hans Christian Andersen. Von Florian Warweg“