Männlichkeit und Träume

Fortsetzung von: Darf ICH die Veränderung im System anstoßen?

 

In Naturvölkern wird ein Anführer – der Alpha-Mann – nicht für seine Rolle in der Gemeinschaft auserwählt, weil er bestimmte äußere Merkmale hat oder viele Frauen sich ihm freiwillig hingeben. In der ursprünglichen, naturverbundene. Rollenverteilung ist jener Mann ein guter Anführer, der in der nonverbalen Sprache der Mutter Erde lesen kann, der feinfühlig, also intuitiv die Zeichen des Weiblich-Wilden wahrnimmt und die Jagd auf das Fleisch und auch den körperlich herausfordernden Anbau von Getreide dem Überleben der Gemeinschaft widmet. Er ist im Augenblick präsent und motiviert sich mit seiner inneren Ausrichtung, für das einzustehen, was Leben bewahrt und das Gleichgewicht in der Schöpfung achtet. Die männliche Kraft, die man ihm ansieht, ist spürbar und strömt von innen nach außen.

Die Zivilisation mit ihren Gerätschaften und ihrer parallelen Dimension, hat sich von der Natur entfremdet. Die angeborene Abenteuerlust im Mann muss sich neue Wege der Entladung suchen und sich auf der sterilen Weltenbühne beweisen. Wo früher tatsächlicher Mut im Angesicht der Wildnis nötig war, beweist Mann sich heute mit Kognition und der Fähigkeit, Projektionen zu lenken.

Wo früher das archaische Sein die Rangordnung bestimmte und jedes Mitglied einer Gemeinschaft wegen seiner besonderen Fähigkeiten respektiert wurde, nimmt das plakative Image heute Einfluss auf  die Selbst- und Fremdwahrnehmung.

Der Mann geht nicht mehr auf die Jagd in der Natur. Er strebt nach Einfluss und Entscheidungsmacht im System. Wo früher wahrer Heldenmut die Männlichkeit bestimmte, ist heute mehr entscheidend, wieviel Geld und Status im System errungen wurden.

Wo einst die intuitive und oft nonverbale Kommunikation in Konfrontation mit unmittelbaren Naturgewalten nötig war, sind heute semantische Floskeln und Fachsprache die Türöffner. Der Karrierist hat immer eine Hook parat…

Was nun fehlt ist die Erfahrung der Jagd im Felde, die existenzielle Gewissheit, eins mit der Natur zu sein. Was den modernen Menschen noch mit ihr verbinden kann, ist der Unterleib der Frau, ihr unberechenbarer Zugang zum Gefühl.

Der Mann von heute verwechselt die Jagd in der Natur mit der Jagd nach der Frau. Er will sie nicht erobern, um zu bleiben und mit ihr gemeinsam etwas aufzubauen,sondern um bestätigt zu werden. Er strebt nach der Anerkennung anderer Männer, um die archaische Ordnung zu reaktivieren.

Heute werden die Tiere von Maschinen erlegt – Tiere, derem Geist Mann einst dankte, liegen nun tiefgefroren und abgepackt in der Truhe beim Supermarkt. Und der Geist des Wesens, das dafür sein Leben ließ, geriet in Vergessenheit, damit der Mann von heute mehrmals die Woche sich sein Protein für die Muckibude einverleiben kann. Nur jagen tut er nun das Falsche.

Die wortlose Verbindung zur Mutter Erde wurde ihm abtrainiert. Stattdessen klebt er an Bildschirmen und konsumiert das Abenteuer ohne Risiko. Er wuchs in einer Welt heran, wo die Neugierde den Kindern schon auf der Schulbank ausgetrieben wird. Die Sehnsucht nach dem Horizont, nach dem Lernen über das Spiel wird an Tischen und auf harten Stühlen plattgesessen und bei Ungehorsam der Bewegungsdrang mit schlechten Noten – Abwertung – bestraft.

Der Mann von heute wird verkapselt und sein Fokus auf die Hierarchie der Pyramide programmiert. Und Jungs ab Acht, so sagt es uns der aktuelle Datensatz, die konsumieren häufig schon die fremdbestimmte Pornophantasie am Telefon, sodass die Lust in einem selbstbestimmten Mann bereits schon vor dem Eintritt seiner Pubertät sich nie natürlich frei entwickeln kann.

Ein künstlich-zivilisierter Konsument erwartet stets, bedient zu werden. Bequem und stolz auf Attribute, die seinen USP bestätigen – lässt er sich von Frauen umwerben und umsorgen, und übernimmt – im Dämmerzustand seiner vermeidenden Prägung – keine Verantwortung für sein verletztes inneres Kind. Der weigert sich, die Vergangenheit zu heilen und loszulassen – wichtige Entwicklungsschritte nachzuholen und ganz zu werden. Der wehrt sich gegen das Schöne, das zu erreichen wäre, und simuliert eine Vorstellung von Männlichkeit, wo er nie erwachsen werden mag, weil es viel leichter – da bereits schon ritualisiert – ist, alles so zu lassen, wie es bereits war. 

Der vermeidende Mann, der sich aus dem ungeheilten Kind heraus an eine Frau bindet, bleibt seelisch unbefriedigt, weil er in dieser Verbindung nicht herausgefordert wird und so auch nicht zum Mann heranreifen muss. Er lebt jedoch in einem ausgewachsenen Körper mit männlicher Begierde, hat aber nie gelernt, wozu diese eigentlich bestimmt ist. So ein Mann muss eine Frau auf ihre Hülle reduzieren und ihrem verletzten inneren Kind Hoffnung machen, diese dann aber in der Praxis enttäuschen… damit sie um IHN kämpft und die männliche Rolle in der Beziehung einnimmt. In so einer Partnerschaft wird keiner von beiden im Inneren groß, weil die Rollen verkehrt wurden und die Liebe in der Verschmelzung nicht fließen kann. 

Eine Frau, die sich an einen Mann bindet, der sie immer in der emotionalen Unsicherheit hält, weil er kein Anker für sie sein kann, wo er es für sich selbst nicht lernen will, ist süchtig danach, ihren Wert darüber zu beweisen, ihn kognitiv oder im erotischen Machtspiel zu überzeugen, wo das Herz gar nicht offen für sie ist. Sein Herz. Es ist ein fortwährender Kampf, ein Buhlen um etwas, das freiwillig fließen sollte.

Ein Mann mit einem verschlossenen Herzen bringt eine sehr destruktive Energie in ihren Leib hinein und löst im Nervensystem der Frau eine Überreizung aus. Er ist nicht gewillt, ihre Seele zu behüten. Dieser Mann will inneren Druck in sie hineinentladen und ihre weibliche Energie konsumieren. Der will sich mit ihr zeigen, um sich zu bekennen, sondern um zu prahlen, sich in ihren Sternchenaugen zu spiegeln. Ihre authentische Zuneigung gilt seinem Ego als Scheinwerferlicht. Er ist aber heimlich neidisch auf das Strahlen, das die Liebe in ihr entfacht, und hält sie daher in der Angst, ihn verlieren zu können, damit das Leuchten immer wieder verblasst und sie so der Konkurrenz möglichst wenig auffällt. Es könnte ja jemand auf der Bildfläche erscheinen, der ihren Wert erkennt und sie tatsächlich lieben möchte. Ihre Verlustangst hindert sie daran, ihre wahre menschliche Größe und ihr weibliches Potenzial zu entfalten und so erfolgreich zu sein, wie sie eigentlich sein könnte. Die Energie, die im Kampf um seine emotionale Aufmerksamkeit verpufft und im überreizten Energiekörper benötigt wird, um sich selbst zu halten, wo der Mann sie halten sollte, kann nicht in die Umsetzung ihres Traumes hineinströmen. Und wo es ihr an Urvertrauen mangelt, kann ihre weibliche Macht sich nicht ausbreiten und auch sein Unbewusstes nicht kräftigen. Die Magie der Liebe wird torpediert.

Man kann niemanden kognitiv davon überzeugen, das Begrenzende loszulassen und für die Liebe voranzugehen. Die Liebe baut sich nicht auf dem auf, was vergangen ist. Sie schenkt uns dann die Kraft, zu lernen und an uns und unsere Lieben zu glauben, wenn wir bereit dazu sind, zu träumen und alles zu wandeln, was unseren Traum bislang verunmöglichte.

Ein Mann, der nicht träumt, weil die Verwirklichung von Träumen die Veränderung voraussetzt, weiß nicht, was Liebe ist. Der hat Angst vor dem Leben und steckt fest.

Deshalb können selbst Worte, die die Wahrheit aussprechen, ihn nicht dort erreichen, wo wahres Verständnis, Vertrauen ins Leben und Mut entspringen: in seinem Zentrum. Dieser Mann kontrolliert und lebt nach einem Schema. Für ihn ist alles, was er sich zurechtlegt, und jeder Mensch, auf den er sich bezieht, vorhersehbar und kontrollierbar. Das ist keine Liebe, das ist Vermeidung von Vergänglichkeit und Verhinderung von Lebendigkeit. 

Ein Mann, der eine Frau so lieben kann, dass sie strahlt und ihren Traum neben ihm leben möchte, hat keine Angst, verlassen zu werden. Der ist weder neidisch, noch besitzergreifend, der behütet das Gemeinsame und flüchtet nicht in die Entseelung und die destruktive Entfremdung hinein. Der nutzt seine Lust nicht dazu, die Bedürfnisse und Enttäuschungen seiner Seele aus seinem Bewusstsein zu verdrängen und den Schmerz in einer Frau auszulösen, die ihm nah sein möchte. Der nutzt das Geschenk der Verschmelzung, um sein Versprechen, sie zu behüten und den Raum zu halten, zu erneuern. Der entscheidet nicht nur im Moment, was der Mangel in ihm begehrt, um temporär gestillt zu werden. Der entscheidet immer aus der Mitte heraus und ist auf eine Weise präsent, die ihn erfüllt und die Verbindung zu seiner Vision nicht verliert. 

Ein Mann, der auf eine reife Weise liebt, will nicht gejagt werden. Der bezieht keine Bestätigung daraus, dass eine Frau um ihn kämpft und leidet, wenn er sie mit emotionaler Distanz bestraft. Den überfordern die Gefühle der Frau nicht, weil er seine eigenen konfrontieren kann. Er wirbt immer wieder neu um die Frau und zelebriert den Raum, den sie ihm geöffnet hat. Der lässt das Gift der Vermeidung nicht in diesen Raum hinein und spricht aus, was ihn zweifeln lässt, damit die Liebe die Chance bekommt, seinen Mut neu zu stärken.

Ein Mann, der es sich nicht zur Aufgabe macht, das verletzte Weibliche in sich selbst anzuerkennen, sucht eine Frau, die dafür die Verantwortung übernehmen will, dass er glücklich ist, eine Frau, die nie richtig geliebt wurde und fälschlicherweise daran glaubt, sie müsse um die Liebe kämpfen, um sie zu verdienen, weil sie ihren eigenen Wert nicht kennt.

Wer in die Selbstliebe hineinfindet, wird diesen Bann durchbrechen und sich das Leben zurückerobern. Der wird sich erlauben, zu träumen, und für niemanden mehr zur Verfügung stehen, der am Gestern kleben bleibt. 

Eine Frau, die sich selbst liebt, erkennt, wenn ein Mann sie besitzen und klein halten will. Sie spürt die Gedanken, die sie objektivieren und ihre Hingabe bewirken wollen, ohne ihr Herz zu achten. Dann denkt sie sich: „Ich sehe, was Du denkst, aber ich stehe dafür nicht zur Verfügung.“

Sexualität ist entweder zerstörerisch oder heilsam für die Seele und das Herz. Die Frequenz der Ausrichtung macht den Unterschied. Dieser Fokus erschafft das Milieu, indem die weibliche und die männliche Energie sich begegnen. Zwei Farben ergeben eine dritte, die entweder das gemeinsame Leben oder die temporäre Dissoziation und Verhinderung von Liebe einfärbt.

Liebe kann nicht leben, wenn nur einer von beiden für sie einstehen möchte.

Eine objektivierende Vereinigung ohne ernstgemeinte Gefühle trennt, und die magische Verschmelzung, in der zwei Seelen sich einander öffnen, verbindet und erschafft eine dritte Instanz, die Kraft schenkt und für das gemeinsame Leben gemeint ist. Dieses Versprechen ist dazu da, jene universelle Macht zu entfesseln, die unsere Träume in die Realität holt. 

Der vermeidende Konsum von Körpern, in denen Seelen und Herzen geleugnet werden, lässt uns vergessen, dass wir träumen und die Wirklichkeit verändern können. Deshalb ist die Welt der Menschen in diesem Zustand, und darum glauben sie nicht mehr an Träume. Sie haben vergessen, wie man liebt.

Männer, die nach Frauen gieren, die noch träumen können und strahlen, aber ihr Leben und ihre männliche Energie nicht investieren wollen, um etwas gemeinsam Erschaffenes, etwas unschuldig Schönes und kraftvoll Neues in den Raum zu stellen, sind keine Männer, die eine Frau befrieden und stärken wollen. Das sind Männer, die das Weibliche nicht ehren und Frauen in Beziehungen hineintricksen, in denen sie den männlichen Part übernehmen und ausbrennen. Frauen, die nicht mutig genug sind, sich aus solchen Verbindungen zu lösen, kommen nicht in ihre weibliche Macht hinein und opfern sich für andere. Diese Frauen setzen dem toxisch-Männlichen keine Grenzen. So wird die künstlich zivilisierte Jagd weiter aufrechterhalten.

Wenn wir die Welt verändern wollen, kommen wir am Wandel nicht vorbei. Das Leben wird aus ihm gewebt. 

Wer Träume realisieren will, muss alte Muster und vermeidende Kommunikation überwinden und darf andere nicht dazu benutzen, der Stagnation zu huldigen und die Illusion der Kontrolle zu materialisieren.

Wer meint, die Welt nicht verändern zu können, ist nicht bereit dazu, das Morgen im Jetzt zu gestalten, weil er das Gestern nicht loslassen kann. Der nutzt sein Traum-a als Ausrede, das letzte “a“ vom Traum(a), das Anghängsel, das den Traum verschlüsselt, nicht auflösen zu wollen. Der mag die nötige und individuelle Energie nicht aufbringen, die es braucht, um den Käfig zu öffnen und sich der Weite zu stellen. Der will nicht männlich sein, nicht aktiv werden, nicht an sich glauben und auch nicht lieben. Der liebt von außen nach innen und nicht von innen nach außen und bleibt freiwillig in einer abhängigen Grundhaltung dem Leben gegenüber. 

Wenn wir einander erlauben, das Leben so zu verschwenden, sind wir Spielfiguren auf dem Schachbrett derer, die uns über die Vermeidung von Angst lenken und uns einreden, dass wahre Liebe nur im Fernsehen existieren würde, wo sie uns in Wirklichkeit – hinter dem Schleier des Selbstbetrugs – in jeder Sekunde zur Verfügung steht.

Es braucht dafür nur die richtige Entscheidung und Menschen, die ihren Herzen vertrauen und über die Begrenzung ihrer Identifikationen hinauswachsen wollen. Menschen, die das Weibliche in sich selbst und anderen erkennen. Zartheit und Gefühle sind kein Aufruf zu Missbrauch und Unterdrückung. Sie sind die Stimme der Seele, die uns eine Vision einer besseren Welt ermöglichen könnte, würden wir ihr nur endlich den Raum geben, den sie benötigt, um uns zu zeigen, wer wir sein könnten.

Die kollektive Seele kann nur heilen und einen gesunden Traum in unser aller Lebensraum hineinschwingen, wenn wir auch die Seele in uns selbst und in jenen achten, denen wir begegnen.