Mensch, Person und “Liebe“

 

Es geht bei aller Arbeit an sich selbst und während der Identifikation aller möglichen Triggerpunkte nicht nur darum, verantwortlich für das Heilen der eigenen Wunden zu sein. Das Verstehen der Auslöser von psychischer und körperlicher Reaktion, das komplexe Begreifen psychosozialer Zusammenhänge und einst verborgener systemischer Verdrehung, die konträren Vermeidungsmuster bei ähnlicher Verwundung kann der Verstand begreifen aber nicht immer auflösen.

All das ist hilfreich für die analytische Gehirnhälfte, die gerade bei emotionaler Überforderung Kontrolle zurückerlangen und offene Fragen endlich beantworten möchte, um aus dem Kreisen auszubrechen und loslassen zu können. Doch wir müssen in ein inneres Gleichgewicht kommen. Deshalb ist auch die andere Gehirnhälfte wichtig. Wir müssen lernen, unser Nervensystem und auch die Weisheit des Herzens in den Wandlungsprozess zu integrieren.

Die Seele ist nicht allein über das Verstehen zu heilen, denn der Schmerz sitzt in den Zellen. Er hat sich – bei andauernder Verdrängung – auch häufig schon somatisiert, um über die Sprache des Körperlichen endlich gefühlt und erkannt, begleitet und ernst genommen, geachtet und getröstet zu werden.

Pillen zu schlucken, hilft immer nur temporär. Der Druck, der durch die Furcht und die Ohnmacht im Körpergedächtnis aufgebaut wurde, löst sich stets nur für ein Weilchen, während die Strategie des Vermeidungsverhaltens, der Maskierung, der Zwänge und Leugnung die Angst vor Wiederholung deckeln.

Das Leben liefert unentwegt neue Reize, die das Unbewusste an vergangene Auslöser erinnern: in Beziehungen, in Konfliktsituationen, in kognitiver Dissonanz aber auch in Sinneserfahrungen, die mit verdrängten Ereignissen verknüpft werden, ohne dass der Verstand etwas dagegen tun könnte. Therapie kann helfen, doch die Wunden und Narben, die wir uns in ungesunden Beziehungen zuziehen, gehen sehr tief und reichen oft bis in die frühe Kindheit zurück.

Die pure Logik schließt aus diesen Zusammenhängen, dass es in Beziehungen überhaupt nicht darauf ankommen kann, die Seele komplett befriedet und den eigenen Wert schon gänzlich erkannt zu haben. Diese Erkenntnis ist die Belohnung für den Einsatz, ist das Ergebnis der Transformation, ist der Himmel, in den der Phönix aufsteigt, ist das, was von allein geschieht, sobald sich der Schmerz zeigen und seine Botschaft übermitteln kann.
Die Vorstellung, man sei erst dann reif für eine tiefe Verbindung, wenn man seine Altlasten bereits vollends entsorgt hat und schon der „perfekte“ Mensch geworden ist, dient – so wie die bereits beschriebenen Abwehrmechanismen – der Verhinderung von Nähe. Erst in einer heilsamen und loyalen Verbindung, wird das tatsächlich authentische Selbst zum Vorschein kommen und nicht nur den eigenen Schatten, sondern auch den des anderen offenlegen, sodass beide auch sich selbst besser kennenlernen können. Die Therapie bespricht die Theorie. Die Liebe und das Leben, das durch sie angestoßen wird, sind die Praxis. Durch die Liebe kann alles, was auf Zellebene abgespeichert war und in der täglichen Leugnung im Alltagsautomismus nie gefühlt und geachtet wurde, ans Licht kommen und den Schatten erlösen.
Viele Verletzungen KÖNNEN WIR gar nicht allein konfrontieren, weil sie sich erst im Kontakt zeigen. Dann ist es eine Frage der Kommunikationsbereitschaft und physischen Anwesenheit – also Ausdruck tatsächlich gelebter Liebe – ob es überhaupt eine emotionale Widmung gibt, die in die Tiefe und so auch in die Heilung dessen führt, was nie gesehen und gehalten wurde.
Erst wenn es Nähe und Zuwendung gibt, um tiefes Vertrauen zu schaffen und in Anwesenheit des anderen über sich selbst hinauszuwachsen, kann auch die Beziehung gedeihen.
Erst wenn der Schatten sich zeigen darf, kann die authentische Liebe Wunder bewirken.
Wer nicht dazu gewillt und neugierig darauf ist, diese Verbindung zu priorisieren und der Liebe den nötigen Raum zu geben, aber trotzdem körperliche Nähe praktiziert, handelt nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit dem Gegenüber verantwortungslos. Körperliche Nähe ist der Turbobooster, denn sie löst Schmerz aus den Zellen.
Wo es an nachhaltigem Vertrauen fehlt, weil man sich der gegenseitigen Loyalität und Offenheit verweigert, wird niemand sich emotional so geborgen fühlen, dass das Vermiedene aus dem Versteck kriechen mag und so das destruktive Gestern in ein konstruktives Morgen verwandeln werden kann. Ohne eine klare und bewusste Entscheidung, alles Künstlich-Erlernte abzulegen und die Vermeidung aufzugeben, wird die Liebe niemals unser Potenzial befreien können.
Wir müssen verlernen, was sich über unser wahres Selbst gelegt hat, um überleben zu können. Es hat nun seinen Zweck erfüllt und wird nicht mehr gebraucht. Die Maske verliert ihre Funktion und darf in dem Schutzraum der Verbindung abgelegt werden. Wenn das, was darunter liegt, dann Akzeptanz und Liebe erfährt, können wir zu denen werden, die in uns angelegt sind.
Leider aber sind wir umgeben von Persönlichkeiten, die die Täuschung zur Tugend erklärt haben und sich selbst und anderen fremd bleiben wollen. Der Körper wird zu einer Drogenfabrik, die Hormone auf Abruf produziert und die Selbstwahrnehmung künstlich aufputscht. Diese Droge ist keine Substanz zum Einnehmen. Für ihren Konsum braucht es induzierte Phantasien und Begegnungen, die das Herz betäuben. Je häufiger sie konsumiert wird, desto automatistischer der Mechanismus, desto geringer das Erahnen der Konsequenzen, desto rücksichtsloser und unauthentischer der Auftritt, desto höher die Wahrscheinlichkeit der Lüge und Manipulation.
Kein Mensch ist ein bewegliches Möbelstück. Niemand hat eine Pausetaste. Sobald Prozesse angestoßen werden, kann man – bei einem offen liegenden Herzen – sie nicht mit dem Verstand einfrieren – nicht wenn man seelisch gesund bleiben möchte.
Die Liebe bringt uns in die Wandlung. Sie stößt ein Flowgefühl an, das unser Inneres ins Fließen bringt und den ganzen unerledigten Ballast hochspült.
Jetzt dürfen wir lernen, dass wir mehr sind als das, was uns einst verletzte und Scham in uns auslöste.
Jetzt dürfen wir uns erkennen und für das Pure lieben lassen, das darunter verborgen war.
Wir dürfen neu werden. Diesem Prozess darf man sich dankbar und neugierig öffnen. Oder man drückt sich davor und verhindert ihn, weil man den Modder nicht sehen will, der man gar nicht ist.
Ohne Flow gibt es kein Glück. Wer der Liebe misstraut, misstraut dem Leben und kann sich die Geschenke nicht abholen. Ohne Tiefe, kein Schatz.
Liebe heilt, indem sie nach oben schwemmt, was verdrängt wurde. Darunter offenbart sich der individuelle und unvergleichbare Kern. Dieser liegt dann frei und kann gewürdigt oder erdolcht werden.
Die emotionale Heilung dessen, was – sofern ein Mensch sich damit beschäftigen wollte – im Geiste bereits beleuchtet und erkannt wurde, wird nur über das gesunde Miteinander stattfinden. Das kann sehr schnell gehen oder auch ein Weilchen dauern. Ein sicherer Raum gibt den ungemütlichen Regungen freien Lauf und zeigt, dass es auch anders geht, dass man das eigene Gefühl zeigen darf, dass man Liebe verdient hat und nicht fürchten muss, wieder benutzt und verletzt zu werden. So eine Liebe können nur wahre Helden leben. Sie ist nichts für Vermeider.
Ist es nicht interessant, wieviele Menschen auf der Flucht sind und niemandem mehr Dinge anvertrauen? Was für ein Jammer! Liegt es an den scharfen Klingen, die ihr Herz bereits verwundeten?
Was, wenn der Schöpfer uns nicht nur beleibte Prüfungen schickt, die unsere Selbstliebe auf die Probe stellen, sondern genau dann, wenn er uns für reif genug erachtet, auch den einen Menschen, dessen Liebe unser Herz wieder heilen könnte?
Wieviele Leute haben die Gabe und das Herz derer, die ihnen wahrhaftige Zuneigung schenken möchten, mit Füßen getreten, um sich an jenen zu rächen, mit denen sie noch eine offene Rechnung hatten? Der Groll und Schmerz soll sich ja zeigen – aber bitte nicht an der falschen Adresse! Derartige Übertragungen zu erkennen, zurückzunehmen und an die eigentlichen Verursacher zu richten, ist – zumindest gedanklich – wichtig, um eine gesunde Ordnung in die Selbstbetrachtung zu bringen und das, was die Lebenswirklichkeit neu erfinden und nachhaltig gestalten könnte, nicht zu opfern, sondern zu bewahren – ganz besonders in seinen verletzlichen Anfängen, das Pflänzchen mit Dankbarkeit und Freude zu gießen, anstatt es zu zertrampeln, als wäre es unwichtig und austauschbar.
Es gibt Leute, die ein gebrochenes Herz zum Schlechten verändert. Sie stürzen sich in Ablenkungen und übernehmen keine Verantwortung für sich und ihren menschlichen Spiegel im Heilungsprozess. Sie lernen nichts aus dem, was geschah, und forschen nicht nach den Ursachen. Sie bleiben in einer Vermeidungsreaktion stecken und plustern sich nach außen hin auf, wo sie nach innen hin einfallen wie ein Hefeteig unter Kälteschock. Dann rasen sie hinaus, und suchen sich Spielfelder, auf denen alle so tun, als gäbe es keinen Schmerz und auch keine ernst gemeinte Verbindung, als könne man nur zum Spaß von einem Leib zum nächsten hüpfen und die Seelen darin übergehen.

Nonchalant und weltgewandt. Nur leider ist diese Welt sehr klein. Sie spielen, um nicht fühlen zu müssen, dass ihnen der tiefere Sinn verloren ging, weil sie sich selbst allein ließen, wo sie für sich hätten da sein müssen. Es geht nur noch um das Ansichraffen, nicht um das Geben und Nehmen. Der Mangel aber wird auf diese Weise immer größer und so auch der Drang, im Außen zu gewinnen, was eigentlich im Inneren gefunden werden sollte.

Viele Menschen haben nicht eine Beziehung im Leben, in der sie sich vollkommen authentisch zeigen können, weil sie keine Beziehung zu sich selbst haben. Sie sind nur auf der Flucht, bilden sich viel auf ihre Eroberungen ein, und können doch nicht für sie sorgen, da sie es ja auch nicht für sich selbst tun. Sie sammeln Menschen und Errungenschaften wie Ü-Ei-Figuren und sehen nur die Hülle, den Angebekatalog – aber das, was jeden einzelnen Menschen liebenswert und wirklich einzigartig macht, das, was umsorgt und geachtet werden muss, interessiert sie nur solange, wie sie von ihm nehmen können. Sobald es ernst wird und man sich bemühen müsste, kratzen sie im Geiste schon an der nächsten Oberfläche herum, damit niemand sie wirklich kennenlernen kann… damit sie andere weiterhin objektivieren können, um auch sich selbst auf die Peripherie zu reduzieren und ihrem wahren Selbst im Spiegel liebender Augen nicht begegnen und sich eingestehen zu müssen, dass sie es vernachlässigt und verraten haben… weil sie dann verletzlich würden und sich anvertrauen müssten… weil dann herauskäme, wann und wo sie immer schummeln – vor wem sie welche Maske tragen, um nicht ehrlich sein zu müssen.
Liebe wird erst da möglich, wo man ehrlich ist. Darum sprich nicht von ihr, solange Dein vermeidender Verstand mehr “Vorteile“ davon hat, Dein Herz zu negieren.
Menschen kommen durcheinander, wenn sie nicht erkennen wollen, was sie wirklich brauchen.
Wer sein Herz verleugnet, wird seine Bedürfnisse verdrängen und die größte Kraft im Universum nicht in sein Wirken hineinnehmen können. Der wird im ewigen Mangel bleiben und extrem viel Energie aufbringen müssen, um diesen zu überspielen. Der weiß nicht, was wahrhaftiger Erfolg eigentlich ist. Er trachtet nach dem falschen. Der weiß nicht, was Erfüllung ist, weil er jene Fülle nicht aushält, die in der Leere geboren wird.
Das Anstrengendste, was es gibt, ist es, nie ohne Maske sein zu können, selbst wenn man allein ist, weil man sich der Liebe verweigert und einen Ersatz für sie im Außen sucht… wenn man so tut, als wolle man sie leben, aber eigentlich Angst vor ihr hat und sich nicht einmal das eingesteht. Denn sie bringt Heilung und fordert das Falsche ein. Sie sprengt das Versteck und legt den Rohdiamanten frei.
Wer in Beziehungen nicht authentisch ist, bleibt isoliert – selbst wenn ihn alle “lieben“. Niemand kann irgendwen lieben, der sich selbst nicht kennt. Wer das Wunder der beseelten Zuneigung, die uns dazu herausfordert, auszupacken und Verantwortung zu übernehmen, ablehnt, um sich selbst nicht lieben zu müssen, verschwendet sein Leben, denn er lebt nicht – er verwaltet. Er ist der Manager seiner einstudierten Person – kein freier Mensch.
Ein authentisches Wesen wird für den Menschen geliebt, der er wirklich ist, nicht für die maskierte Person, die nur so tut als ob. Der souveräne Mensch hat es nicht nötig, jemand anderen zu mimen, um Aufmerksamkeit zu erhalten, jemand anderen zu manipulieren, um Zugang zu seiner Verletzlichkeit zu bekommen, ohne sie in Resonanz auf das geschenkte Vertrauen überhaupt behüten zu wollen.
Ein autarker Mensch behandelt auch andere wie Menschen und achtet die offene Wunde in ihren Herzen, die immer auch das größte Potenzial birgt, glücklich zu werden – weil er seine EIGENE Wunde konfrontiert und das Bedürfnis dahinter achtet und für seine Erfüllung Verantwortung übernimmt, Zeit investiert und Aufbau betreibt, statt abzureißen, wenn es herausfordernd wird.
Wir alle tragen Verletzungen in uns. Durch sie haben wir die Chance, zu lernen, zu reifen und das Leben zu ehren.
Niemand, der sein eigenes Herz wertschätzt, würde das Herz und Glück eines anderen opfern, um sein Ego zu bestätigen.
Also, sieh Dir immer an, aus welcher Motivation heraus jemand Entscheidungen trifft. Ist es der Geltungsdrang oder das Herz? Ist es die Person oder ein Mensch, der von “Liebe“ spricht. Nicht jeder fühlt dasselbe wie Du, wenn er davon redet. Nur wer bereit dazu ist, sie zu fühlen, bringt auch den Mut dazu auf, sie zu leben.