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Menschen lieben Gerüchte, die ihr Narrativ stützen. Manche finden es auch in Ordnung, hinter dem Rücken von Nicht-Anwesenden zu lästern oder Unwahrheiten über Dissidenten zu verbreiten, um ihre eigene Weste reinzuwachsen oder politisch im recht zu bleiben – egal wie sehr sie dafür die tatsächliche Realität verbiegen müssen.
Ich habe es immer schon verabscheut, wenn Menschen über andere lästern. Beweist dies doch nur ihre Unfähigkeit, Konflikte argumentativ und friedlich auszutragen. Besonders wenn jene mit mehr Macht, Ansehen, Einfluss oder in der Überzahl Andersdenkende verunglimpfen oder ausgrenzen, stößt es mir übel auf.
Es ist das Eine, wenn die Hässlichkeit der zeigenden Finger sich wenigstens selbst entblößt. Aber wenn die Schmierenkampagne hinter dem Rücken der Ausgegrenzten stattfindet, verbreitet der Hass sich still und leise im morphogenetischen Feld – das pure Gift fürs Kollektiv.
Heute aber sprechen wir von einer weiteren Eskalation – von offener Gewalt. Diese staatlich legitimiert anzuordnen und dann sogar noch Verstorbene mit Dreck zu bewerfen, ist nicht hinnehmbar, soll aber normalisiert werden.
Da mir das Geschehen in Minnesota sehr nah geht, und es meines Erachtens einen Wendepunkt in der Geschichte bedeuten könnte, möchte ich meine Gedanken auch ihrer Familie widmen. Zuvor weise ich noch darauf hin, dass Trump und sein Gefolge den Agenten, der die Schüsse abfeuerte, als Helden feiern und das Opfer als Terroristin brandmarken. Ich bitte darum, diese Darstellung unser aller Wirklichkeit im Hinterkopf zu behalten und mit dem abzugleichen, was nun folgt.
Am Mittwoch wurde Renee Macklin Good von einem Beamten der US-Einwanderungsbehörde ICE tödlich verletzt. Ihre Ehefrau Becca Good gab gegenüber MPR News folgende Erklärung ab:
Zunächst möchte ich mich bei allen Menschen bedanken, die sich aus dem ganzen Land und der ganzen Welt gemeldet haben, um unsere Familie zu unterstützen.
Diese Anteilnahme von Fremden würdigt sie zutreffend, denn wer meine Frau, Renee Nicole Macklin Good, jemals kennengelernt hat, weiß, dass sie vor allem eines war: gütig. Ihre Güte strahlte förmlich aus. Renee strahlte. Sie schimmerte. Sie trug keine Pailletten, aber ihr kam der Glitzer aus jeder Pore. Ständig. Man könnte meinen, das sei nur meine Meinung, aber ihre Familie sagte dasselbe. Renee war ein Sonnenschein.
Renée lebte nach einer tiefen Überzeugung:
Es gibt Güte auf der Welt, und wir müssen alles daransetzen, sie dort zu finden, wo sie wohnt, und sie dort zu fördern, wo sie wachsen muss.
Renée war Christin und wusste, dass alle Religionen dieselbe grundlegende Wahrheit lehren: Wir sind hier, um einander zu lieben, füreinander zu sorgen und einander Sicherheit und Geborgenheit zu geben.
Wie so viele Menschen zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten, zogen auch wir um, um uns ein besseres Leben aufzubauen. Wir wählten Minnesota als unsere neue Heimat. Während unserer langen Autofahrt hierher hielten wir Händchen, während unser Sohn die Scheiben bemalte, um sich die Zeit zu vertreiben.
Was wir hier vorfanden, war eine lebendige und einladende Nachbarschaft. Wir schlossen Freundschaften und verbreiteten Freude. Und obwohl sich jeder Ort, an dem wir zusammen zuvor gelebt haben, wie ein Zuhause anfühlte, gab es hier in Minneapolis ein besonders starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit, ein Aufeinander-Aufpassen. Hier habe ich endlich Frieden und einen sicheren Hafen gefunden. Dieser wurde mir nun für immer genommen.
Wir haben unseren Sohn zu dem Glauben erzogen, dass jeder Mensch – unabhängig von Herkunft oder Aussehen – Mitgefühl und Freundlichkeit verdient. Renee lebte dieses Credo jeden Tag vor. Sie war die Verkörperung von Liebe und Lebensfreude.
Am Mittwoch, dem 7. Januar, hielten wir an, um unsere Nachbarn zu unterstützen. Wir hatten Trillerpfeifen. Sie waren bewaffnet.
Renee hinterlässt drei außergewöhnliche Kinder; der Jüngste ist erst sechs Jahre alt und hat bereits seinen Vater verloren. Nun bin ich allein für unseren Sohn verantwortlich und werde ihm, so wie Renee es glaubte, weiterhin beibringen, dass es Menschen gibt, die eine bessere Welt für ihn gestalten, dass die Täter Angst und Wut im Herzen trugen und wir ihnen einen besseren Weg aufzeigen müssen.
Wir danken Ihnen für die Privatsphäre, die Sie unserer Familie in dieser schweren Zeit gewähren. Wir danken Ihnen, dass Sie dafür sorgen, dass Renees Vermächtnis von Güte und Liebe geprägt ist. Wir ehren ihr Andenken, indem wir ihre Werte leben: Wir lehnen den Hass ab und wählen das Mitgefühl. Wir wenden uns von der Angst ab und streben nach Frieden. Wir lehnen die Spaltung ab und wissen, dass wir zusammenhalten müssen, um eine Welt zu schaffen, in der wir alle sicher zu jenen Menschen nach Hause zurückkommen können, die wir lieben.
Quelle: MPR-News