Wenn wir über die Liebe sprechen, hat jeder von uns ein eigenes Gefühl zu diesem Begriff. Es gibt auch Sprachen, die für die unterschiedlichen Formen von Zuneigung und Verbindung differenzierende Ausdrücke verwenden. Im Altpersischen zum Beispiel benennt man 80 verschiedene Weisen des Herzens. Und das Sanskrit kennt sogar 96 Wörter für die Liebe…
Eigentlich ist die deutsche Sprache ja sehr präzise, aber gerade in diesem Feld, mangelt es ihr an Vielfalt. Vielleicht liegt es ja daran, dass die Deutschen so viele Definitionen für das haben, was die Liebe nicht zu sein hat, wo die Liebe nicht stattfinden darf, und wo es sogar sozial geächtet werden sollte, wenn zwei Seelen sich füreinander entscheiden wollen und dabei die Norm der Gesellschaft sprengen. Bei der Auswahl von Tabus sind wir besonders gründlich: Alter (hier nehme ich natürlich aus, was in Richtung Pädophilie geht), Status, Religion, Verträge, Bildung – um nur ein paar Hürden zu nennen. Das Kastendenken läuft bei uns eher subtil ab, schreibt aber unausgesprochen vor, was erlaubt ist und weitreichende Erwartungen der Beteiligten ermöglichen darf.
Bekommen die verschiedenen Arten der Liebe in der systemischen Schablone genug Raum? Und wenn jemand sich trotzdem für eine ungewöhnliche Verbindung öffnet, kann er dann auch das Rückgrat aufbringen, für den anderen einzustehen und den kontinuierlichen Aufwand zu betreiben, den die Liebe benötigt, um atmen und gedeihen zu können?
Der “Gier“ in der Neugierde nachzugeben, aber zugleich das “Neu“ darin zu vermeiden, verbietet dann leider auch, sich für die Liebe zu entscheiden, die nach uns ruft. Und wenn es genau hier an Transparenz mangelt, bürdet man dem eigenen Gewissen die Schuld an einem gebrochenen Herzen auf. Ich bin ja der Meinung, dass es gesellschaftliche Normen überhaupt nur deshalb gibt, weil leider sehr viele Menschen kein Gewissen haben, denn sie lernten nie das wohlgesonnene Alleinsein und verloren den Zugang zu ihrer eigenen Seele.
Es gibt Leute, die haben das Spielchen so übertrieben, dass sie es sich in der Reue gemütlich eingerichtet haben, sich darin selbst bemitleiden und glauben, sie seien heldenhaft, weil sie ihr wahres Bedürfnis nach Liebe verleugnen, um es jenen recht zu machen, die ihnen verbieten, sich zu verändern. Es ist absurd. Anstatt einfach ehrlich zu sein und jedem die Chance zu geben, frei zu wählen, sperren sich alle gegenseitig ein.
Die Lüge beißt sich mit der Liebe, aber die Gier liebt die Unwahrheit und die Geheimnistuerei, selbst wenn den Preis für den Rausch dann andere zahlen. Könnten die Menschen die Schatten all derer sehen, die sie auf Podeste stellen, wären sie außerstande, auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzen. Ein kollektives Theater der falschen Akzeptanz… ein Maskenball der vorgetäuschten Fülle… und über all dem thront dann noch jene Arroganz, die uns dazu berechtigt, andere zu verurteilen.
Ich glaube, viele Menschen vergaßen von ihrer Sozialisation an, dass man sich die Liebe nicht verdienen muss, dass man sie auch nicht ernten und konsumieren kann, sondern einfach nur lernen darf, wie man sie gibt, annimmt und zusammenfügt, was zusammen sein möchte – wie man gemeinsam der Seele lauscht und ihr Ausdruck verleiht. Wir haben die Demut vor dem Mysterium der Liebe aberzogen bekommen. Nach höheren Gesetzen entscheidet die Liebe, wo sie erblühen möchte, nicht der Verstand. Aber das passt nicht ins Narrativ.
Die Liebe kennt keine Raster. Sich der Liebe zu widmen, ist keine Challenge, die uns einen Pokal und Applaus verspricht. Es ist ähnlich wie mit der Kunst, ein Instrument spielen zu lernen. Der Klangkörper flößt uns nicht nur Bewunderung, sondern auch Respekt ein, denn er bringt erst dann wohlklingende Töne hervor und Freude, wenn wir kontinuierlich auf ihm spielen, die Frequenz priorisieren, den Resonanzboden pflegen und uns Mühe geben. Alle zwei Wochen das Instrument zu wechseln, würde nur Dissonanzen erzeugen. Immer nur kurz anzuspielen und es sofort in die Ecke zu werfen, wenn es herausfordernd wird, brächte ebenso keinen Gewinn für das Herz. Letzteres tun aber viele Menschen, wenn es um das Zwischenmenschliche geht.
Zu üben, dem Klang der Seele Ausdruck zu verleihen und verstanden zu werden, begönne bei der Bereitschaft, aus der Tiefe heraus zu schreiben oder zu sprechen. Doch sie hetzen von einem zum nächsten und rücken ihre eingeübten und doch fremdbestimmten Interessen in die Dauerschleife. Sie setzen sich nicht solange und so oft zusammen, wie es nötig wäre. Sie quetschen einander in ihre Kalender hinein – gerade so eng, dass sie nicht gemeinsam in die Tiefe vordringen können, auf dass sie ja nicht tatsächlich erkannt und geliebt werden können. Geschieht dies doch einmal schneller als erwartet, flüchten sie vor der ungewohnten Echtheit – vor ihrer eigenen Verletzlichkeit und der Herausforderung, dem anderen sein Herz anvertrauen zu dürfen – das Leben selbst entscheiden zu lassen, wohin und mit wem es fließen will…
Die Liebe zur Karriere bzw. zum Geld ist eine Kombi aus dem Bedürfnis nach allgemeingültiger oberflächlicher Anerkennung, systemischer Anpassung und dem Vermeiden der Konfrontation mit dem inneren Mangel. Tausende Theorien und Erklärungen dafür liegen auf Abruf bereit. Dass nur die Liebe, und zwar die wahre, den Mangel wirklich stillen kann, haben sie verdrängt.
Fühlt die Seele eines spannenden Menschen, zu dem man sich hingezogen fühlt, sich geborgen genug, um viel zu erzählen, ist er ganz schnell schon wieder anstrengend für die rastlos Suchenden, denn sie sind immer auf dem Sprung zum nächsten Dopaminkick und ewig auf der Flucht vor der Langeweile. In ihr würden sie sich nämlich selbst begegnen. Es dürstet sie nach visuellen Reizen und schnell verfügbarer Bestätigung. Sie dealen damit und verwechseln einander mit Fastfood für den Verstand und das Ego.
Das Geschäft mit einer Beliebtheit, die sich ins Raster einfügt wie ein richtig verdrehter Tetris-Baustein, braucht das Einordnen anderer wie die Bronchien den Sauerstoff. Aber Menschen sind komplex. Wer sie wirklich kennenlernen möchte, lässt die Ordnung beiseite und lernt, das Unperfekte zu bestaunen. Doch dies erforderte tatsächliche Neugierde und Offenheit für Veränderung. Dazu sind viele nicht bereit, weil sich ihr Verstand an der Vergangenheit festkrallt und das Bekannte mit Sicherheit verwechselt. Wahre Sicherheit ist aber unabhängig von äußeren Umständen. Sie wohnt im Inneren.
Das Abscannen nimmt all die Attribute mit hinein, die man den gesellschaftlichen Vorgaben entnehmen kann. Aber auch die Sehnsüchte und die vermeidenden Muster wollen bedient werden – nach ihnen sucht das Unbewusste. Letzteres ist aber verboten, also wird gerade hier am meisten manipuliert, getäuscht, verheimlicht und benutzt. So wird die Sehnsucht, die das Sehnen der Seele beherbergt, letztlich nie gehört und so auch nicht den Weg weisen können. Man sucht also immer da, wo man gar nicht fündig werden will.
Jedes Lob, das nicht wirklich Dich, sondern nur Deine Maske meint, vermehrt nur Deine inneren Zweifel und Unsicherheiten. Je unehrlicher Du mit Menschen bist, je mehr Du verschweigst, desto weniger Chancen auf die Liebe erlaubst Du allen Beteiligten. Und kennst Du den Raum der Stille in Dir nicht, wird Dir das nie bewusst. Dann bleibst Du auf der Flucht vor Deiner Sehnsucht und stolperst von einem zum nächsten. Dann meidest Du jene, die Dich wirklich lieben könnten, Dir aber die Wahrheit sagen würden, denn sie decken auch auf, wo Du Dich selbst verraten hast, um gemocht zu werden. Genau das tut nämlich die Liebe. Sie würde Dir nicht dabei helfen, Dein wahres Selbst zu verraten.
Was bedeutet Liebe in Zeiten des Swipe-Automatismus‘? Wer nicht sofort ins Alltagskorsett des anderen hineinpasst und Bedürfnisse äußert, emotionalen Aufwand und Zeitinvestment verlangt und sich obendrein nicht in die etablierte Komfortzone und ins optimierte Sendungsbewusstsein der Persönlichkeit einfügt, wird einfach aussortiert – aber erst nachdem man ihm so viel Aufmerksamkeit und Zuwendung wie möglich abgerungen hat, um das eigene Ego zu bestätigen.
Am Anfang gibt sich jeder Mühe, doch nur wenige meinen es tatsächlich ernst damit. Hinzu kommt, dass der Turnus, in dem man heute Leute abfrühstückt, einige soziale Batterien ausgebrannt hat. Der dopaminsüchtige Dauerkonsument oder Workaholic findet die Liebe nicht in sich, sondern im Außen. Er ist sich fremd, weil er sich selbst nicht vertraut. Es gibt ihm eine gewisse Kontrolle, die lineare Zeit zu beherrschen und sich seinen Wert zu erarbeiten. Eine Liebe, die nur ihn meint, könnte er gar nicht annehmen. Das ist der fleißige und ehrgeizige Vorzeigedeutsche. Nur wer leistet, verdient die Liebe, nicht wahr?
Jetzt aber geschieht etwas Spannendes: Die KI kommt ins Spiel und übernimmt sukzessive in fast allen Bereichen das Ameisenprogramm. Tja, was nun?
Jetzt könnte auf einmal Raum entstehen. Die Zeit, in der wir uns begegnen, könnte sich weiten… Wollen wir die Gunst der Stunde nutzen und das System neu erfinden? Ersinnen wir eine Form des Zusammenlebens mit mehr kognitiver Toleranz und weniger Kontrollsucht über andere? Geben wir der Liebe nun endlich einmal den Resonanzraum in uns, den sie braucht, um zu erklingen und uns endlich an unsere wahre Bestimmung als Menschen und an die Naturgesetze zu erinnern?
Wird sich unsere Sehnsucht erst in all dem glänzenden Metall einer gruselig-transhumanistischen Dystopie spiegeln, oder finden wir vorher mal den Absprung?
Wird das Christusbewusstsein tatsächlich zurückkommen und in unsere Herzen einziehen? Wird seine Frequenz uns küssen und mit einer unverfälschten Wahrnehmung beschenken, damit wir uns wieder an das Gewebe, die Essenz des Tuchs, erinnern, aus dem wir bestehen?
Ach, da wäre ich gern dabei. Was wäre das für ein Wunder?!
Ich glaube an Wunder! Weil ich die Liebe fühle, trotz allem und immer noch…