Lina Hawk

Veganer und Karnisten in einem Boot

Warum ein Veganer kein besserer Mensch ist, wenn er nicht mit Fleischessern an einem Tisch sitzen will, und warum ein Fleischesser kein klügerer Mensch ist, wenn er sich über Vegetarier und Veganer lustig macht:
WIR ALLE SIND AUF EINER REISE DURCH UNSER LEBEN.

Wir alle sind nicht perfekt. Wir alle sind Teil eines ungesunden Systems, das die Natur zerstört: Niemand von uns verdient einen Heiligenschein, denn kaum jemand zieht in den Wald, lebt unter oder auf einem Baum, lebt von Samen und Beeren und chanted den ganzen Tag Mantren zum Wohle der Menschheit. Soviel ist doch wohl schon einmal klar, oder? Selbst wenn man ein Elektro-Auto fährt, selbst wenn man nur noch Tofuwürstchen ist, selbst wenn man Ökostrom bezieht und Jutetäschchen in jeder der zehn hippen Handtaschen drinstecken hat, selbst wenn man nur noch Secondhand kauft… Es gibt unfassbar viele alltägliche Beschäftigungen und Güter, die unfassbares Leid erschaffen haben durch ihre Produktion oder ihre Transportumstände, durch die Aktien oder die Großunternehmen, die tausende kleine Tochterfirmen haben und die Ärmsten auf dem Planeten für ihren Profit ausbeuten und deren Gesundheit opfern.
Jeder einzelne von uns wurde manipuliert, aber die meisten bemerken es nicht in vollem Umfang.
Wenn du also urteilst über den Schweinefleischverzehrer, denk an das Leid der Schafe, deren Wolle du am Leib trägst.
Wenn du den Lederschuh-Süchtigen verurteilst, dann denke an das Leid der Kinder in Bangladesh, die deine vegane Tasche von H&M genäht haben. Wenn du dein erstes Date mit einem Menschen verbringst, der genüsslich einen Burger verdrückt, und du dich fragst, ab sein Erbgut zuträglich für die Gene eurer Kinder wäre, denke an die DNA deines Großvaters, der im Krieg in Länder eingefallen ist, die heute zu den ärmsten Regionen Europas gehören. Andererseits ist es auch Mist, die Veganer auf dem Scheiterhaufen der allgemeinen Wahrnehmung anzubinden, nur weil sie anerlernte und kollektive Selbstverständlichkeiten in Frage stellen und neue Wege suchen.
Klar, hier prallen zwei Welten aufeinander, die beide eigentlich nur ohne schlechtes Gewissen und für eine bessere Welt leben wollen würden, wenn sie es nur könnten und einen Weg finden würden, den Erwartungs-Druck abzubauen, umzudenken und umzulenken auf eine wahrhaftig freie Entfaltungs-Form der Existenz im Kollektiv…
Das Prinzip von Ursache und Wirkung macht vor niemandem Halt, und wir sitzen alle in einem Boot.
Das Einzige, was uns zu tun bleibt, ist zu kommunizieren, achtsam Erfahrungen mitzuteilen, einander wohlgesonnen zu sein und vorzuleben, was das Leben in uns und im Außen nicht mit Füßen tritt sondern ehrt.
Doch wir ehren das Leben nicht dadurch, dass wir von heute auf morgen die perfekten und unschuldigen Erdenbürger zu sein vorgeben. Das sind wir nicht. Niemand steht über einem anderen – weder existenziell noch moralisch. Nur die Bewusstseinsgrade unterscheiden uns. Gerade jene, die mehr von den universellen Zusammenhängen gecheckt haben, müssen die Jungen einweisen.
Es gibt niedere und höhere Formen des Bewusstseins. Doch wer meint, in dieser Hinsicht über der Wasseroberfläche zu schwimmen, sollte der letzte sein, der die Menschen unter Wasser beurteilt. Und jene, die andere verurteilen, weil sie etwas versuchen, um die Lage besser zu machen und ihnen unterstellen, alle ihrer Art würden sich grundsätzlich über andere stellen, projezieren ein gewaltiges Maß an ihrer eigenen Unreflektiertheit auf andere. Das ist alles andere als zielführend.
Ich habe einen anderen Vorschlag: Wir könnten ernsthaftes Interesse daran entwickeln, an einem Strang zu ziehen und für unsere Kinder und deren Nachkommen noch etwas von diesem wunderschönen blauen Wunder übrig zu lassen.
Wir ehren das Leben, indem wir uns an jedem Tag ernsthaft bemühen, uns mitfühlender zu verhalten und mitfühlender miteinander zu kommunizieren. Der Rest entwickelt sich dann ganz natürlich.
Die Verurteilung wird immer nur in die Trennung führen, weil sie die Angst vor der Ausgrenzung schürt.