Lina Hawk

Karnismus? Was ist das denn?

Welche psychologischen Mechanismen stecken eigentlich dahinter, wenn Menschen sich kollektiv und seit Jahrhunderten die Legitimation dazu geben, Fleisch zu essen und andere verachten, die es sein lassen?

Ist etwas grundsätzlich richtig, wenn die Mehrheit in der Gesellschaft das so sieht?

Ist Usus gleich Ideal?

Was bedeutet die Massentierhaltung und der Fleischkonsum für die Menschen? Welche Folgen hat sie für die Gesundheit und die Natur?
Warum steckt da eigentlich so viel Rechthaberei und Verteidigungsbedürfnis drin?
Dieses Video hebt nicht den Zeigefinger, betrachtet das Thema aber aus einer vollkommen neuen Perspektive. Melanie Joy, die den Begriff Karnismus erfand und das psychologische Phänomen erforschte, dass mit der Irrationalität einhergeht, die das Verhalten des kollektiven Fleischkonsums begleitet, gibt uns einen Einblick:

Die Frau hinter dem Begriff Karnismus ist einer meiner Lieblingsmenschen.

Hier spricht sie über die Art zu kommunizieren und die Chance, sich zwischenmenschlich respektvoll zu verhalten. Veganer, Vegetarier und Fleischesser können noch viel im Umgang miteinander lernen. Denn Angriff und Zorn führen nur zu einer verteidigenden, nicht aber zu einer offenen Haltung. Dieses Interview zeigt Wege auf.

Es gibt ja einige logische Gründe, auf Massentierhaltungs-Fleisch zu verzichten: Wachstums- und ANGST-Hormone, Antibiotika, Genfutter, Wasservernichtung, Gülle im Grundwasser, Regenwaldrodung, Methan… Aber wenn es ein Karma gibt, ist das Ausblenden von Bildern wie diesem für mich ganz oben auf der Liste mit der Überschrift: „Wie kann ich mich selbst am besten belügen und den Lebensraum meiner Nachfahren am praktischsten zerstören?“
Ich bin nicht gern Missionarin, denn ich bin der Meinung, jedermann sollte selbst auf die Antworten kommen. Leider läuft uns aber die Zeit davon. Melanie Joy gibt einen wunderbaren Einblick für den logischen Verstand, ohne die Ethik-Keule zu schwingen. Nur wer gebildet ist und aufgeklärt wurde, kann eine freie Wahl treffen und sich selbst von außen betrachten. Ich finde diesen Ansatz sehr gut. Rational kann man also durchaus auch etwas für den Erhalt unseres Planeten tun, der sich ausschließlich aus einem kollektiven Bewusstseinssprung generieren könnte.
Auf spiritueller Ebene bin ich davon überzeugt, dass der Konsum von Fleisch aus der Massentierhaltung das Empathievermögen lähmt – auch die Semantik, die ich unbewusst, weil indoktriniert durch unsere Gesellschaft, nutze, ist spannend, „das Fleisch“ aus der Massentierhaltung – als ginge es dabei um ein Ding, einen Gegenstand.
Die Annahme, dass das so wäre, ist das Ergebnis unterdrückten Empathie-Vermögens. Eigentlich wurde uns das Empathievermögen angeboren. Nur erzieht das Kollektiv es uns wieder ab.
Schade ist das, oder sollte ich eher sagen: hochgradig beunruhigend ist das, denn diese Fähigkeit bräuchten wir dieser Tage am allermeisten.
Überall scheint es Mangelware zu sein, das Mitgefühl.
Der Planet und das Leben auf ihm, das arglos existiert, wird ausgebeutet. Ein Filmchen weiter oben wird von Tim Deutschmann erklärt, was das mit unserem Geldsystem zu tun hat. Die Lämmer schweigen aber nur so lange, wie sie verdrängen und das Spielchen weiter mitspielen, sich dumm halten lassen und konsumieren, was man ihnen anpreist.
Zurück zu dem Bild: Holokaust. Ein hartes Wort nicht? Da muss man erst einmal schlucken. Da gehen gleich Assoziationsketten los. Einige werden sich aufregen, man könne das nicht vergleichen! Aber warum regen sie sich denn so auf? Ist das wirklich so anders? Welche Annahme bringt dich zu dieser Aussage, solltest du sie vertreten?
Es ist die Annahme, dass das Leben eines Tieres weniger Wert sei als das eines Menschen. Die Annahme, dass die Menschen ohne das Jagen nie überlebt hätten.
Doch das klügste Glied in der Kette des Lebens wird seiner Verantwortung erst gerecht, wenn es die schwächsten Glieder in der Kette sorgsam und respektvoll behandelt.
So sehe ich das zumindest. Und indigene Völker, die im Einklang mit der Natur leben, auch wenn sie Fleisch essen, achten das Leben und würden niemals ein Tier in Gefangenschaft qualvoll ausbeuten.
Das organisierte Ausbeuten und Ermorden von tierischem Leben sei kein Holokaust.
Nach dieser Logik wäre ein Viehtransport wie dieser weniger schlimm als die Deportation von unschuldigen Menschen. Man dämonisiert die Schweine nicht, um das zu legitimieren. Muss man ja nicht. Es glauben ja die meisten sowieso schon daran, dass Schweine Wesen dritter Klasse seien. Hunde und Pferde und Katzen und Kühe gelten, je nach Region, als heilig oder unantastbare „bessere“ Tiere als jene, die man verzehrt. Auch diese Überzeugung ist ein Teil des karnistischen Phänomens.
Doch schaut man aus den Augen dieser Tiere, kommt man auf eine andere Denkweise. Die Brutalität, die aus diesen Bildern spricht, erinnert mich durchaus an die Brutalität, die von Wärtern und Kriegsverbrechern an den Tag gelegt wurde und wird, menschliche Individuen, die eine vollkommen verrohte Seele haben mussten/müssen. Welcher Mensch bringt es fertig, Lebewesen in so einen Wagen zu treiben, verdursten zu lassen und die Kadaver dann auf den Müll zu werfen? Ganz zu schweigen von dem, was Tierschützer filmen, die sich in Mastbetriebe schleichen und die unfassbare Gewalt filmen, die dort an der Tagesordnung ist? Und was tut man, um die karnistische Volksverblendung aufrecht zu erhalten?
Man kriminalisiert die Tierschützer. Die sind ja total extrem und verstoßen gegen das Gesetz! Die ausführenden Subjekte werden geschützt, sie werden schließlich dafür bezahlt, die Drecksarbeit für uns zu machen. Sie hauen Babyschweine mit dem Kopf auf den Boden und werden vor den Augend der Öffentlichkeit verborgen, als gäbe es ihre Verrohung nicht.
Und auch das hat es im Zusammenhang mit dem Holokaust schon einmal gegeben. Man wusste von nichts. Die ausführenden Unmenschen wurden nicht verurteilt. Eine Entnazifizierung hat es größtenteils nicht gegeben.
Das kommt daher, dass die kollektive Verdrängung weiterhin aufrecht erhalten wurde.
Ich finde also, dass dieser Begriff, so polarisierend er vielleicht auch wirken mag, ein Instrument ist, das man nutzen kann, um die allgemeine Hypnose zu durchbrechen.
 
So wie man uns weiterhin erzählt, die Milch und das Fleisch seien gesund, versucht man uns davon zu überzeugen, dass es nicht anders geht. Und jeder, der dem Karnismus auf den Leim gegangen ist, wird das auch so sehen.
„Fleisch ist gesund. Jawoll! Das war so, ist so und wird auch so bleiben.“ Gesund?
Die Tiere, die das Fleisch mal waren, waren zu einem Großteil nicht gesund. Warum sonst werden so viele Antibiotika eingesetzt? Wenn das Tier nicht gesund war, wie soll dann das Fleisch gesund sein? Multiresistente Keime sind eine Bedrohung für die gesamte Menschheit. Ich kenne niemanden, der mit dem Krankenhaus noch etwas verbindet, das Heilung brächte.
Diese Wesen haben Gefühle wie wir. Sie sind intelligent. Sie leiden. So wie all die anderen Millionen Geschöpfe, die nicht nur grausam hingerichtet werden sondern ihr ganzes, verkürztes Leben dahinvegetieren.
Die Mitwirkenden und Konsumenten sollen Steine in der Krone der Schöpfung sein? Tut mir leid, Ich kann vieles nachvollziehen und auch verstehen. Aber das Ausmaß dieser kollektiven Verrohung ging mir schon als Kind so nah, dass ich mich dagegen entschied, ein Teil dieser Kette zu sein.
Wie schön wäre es, wenn die Menschen, die sich auf die gesundheitlichen Vorteile und die Rituale in der Ahnenkette berufen, sich einmal daran erinnerten, dass es bei Oma und Opa ein Mal in der Woche Fleisch gab, dass es damals etwas anders aussah in der Tierhaltung.
Bio oder nicht Bio? Wem kann man noch glauben? Höre ich oft. Tja, dann schließ dich halt mit ein Paar Freunden zusammen und fahre zum nächsten Hof, sprich mit dem Bauern und schau dir an, wie seine Tiere leben und behandelt werden. Man kann sich das Einkaufen ja kollektiv organisieren. Auch im Stamm-Café oder im Restaurant könnte man darauf hinweisen, dass man auch mehr für ein Fleisch-Produkt bezahlen möchte, solange beim Einkauf auf das Siegel geachtet wird. Natürlich kann man sowas nicht von heute auf morgen ändern. Es ist aufwändiger, umständlicher. Vielleicht ist das auch teurer, ja. Aber dann gibt es eben einmal die Woche Fleisch. Oma und Opa reichte das auch, obwohl damals auf dem Feld und nicht am PC gearbeitet wurde.
Würden die Menschen wenigstens weniger und ganz bewusst Fleisch konsumieren, könnte dieser Wahnsinn endlich reduziert werden und in absehbarer Zeit ein Ende nehmen.