Es gibt ja dieses spirituelle Ideal, dass ein Leben im Jetzt das einzig wahre sei. Herr Tolle und andere haben sich auf dem Fundament dieser Idee Paläste gebaut. Doch meines Erachtens birgt die Theorie vom wachen Dasein im Augenblick eine Falltür, nämlich dann, wenn man sie als Entschuldigung dafür hernimmt, keine Ausrichtung zu haben, verantwortungslos in Beziehungen andere zu verletzen, absolut selbstbezogen zu bleiben und niemals zu heilen, was in der Vergangenheit geschah, und sich so der Reifung des eigenen Bewusstseins zu verweigern und in der Komfortzone hängen zu bleiben.
Ein Leben im Jetzt ist nur dann ein goldenes Tor in das Land der Freude hinein, wenn man nichts verleugnen muss, um über die Schwelle zu treten.
Du stehst auf der Linie zwischen allem, was war, und allem, was möglich wäre, und möchtest Bewegung im Moment kreieren. Schaust Du dabei zurück und klammerst Dich an ungesunden Vermeidungs- und Beziehungsmustern fest, bleibst Du lethargisch, selbst wenn Du dabei zappelst.
Sobald Du Dich den Möglichkeiten öffnen möchtest, die sich Dir auf der anderen Seite zeigen, musst Du bereit dazu sein, das, was Dich mit dem Gestern verbindet, positiv zu wandeln. Flüchtest Du hingegen vor ungelösten inneren Konflikten, die Dir in der Vergangenheit oder auch hier und jetzt aufgezeigt haben, wo Du noch Heilung brauchst, wirst Du all den Ballast mit ins Morgen tragen und derselbe Mensch bleiben, ganz egal, wieviele Orden, materielle Güter oder Bestätigung Du Dir mit Deinen einstudierten Taktiken auch erwerben magst. Die neue Erfahrung wird Dich nicht zu dem Menschen machen können, der in Dir angelegt ist, weil Dein Inneres besetzt ist mit einer Person, die strategisch und auch getrieben vorgeht und Deinem wahren Ich den Platz verweigert, der ihm eigentlich zusteht.
Der Sinn des Lebens IST die Wandlung… das Reifen… das Ablegen antrainierter Wesensentfremdung… das Durchdringen aller Erscheinungen und das Freilegen der eigenen Identität. Vermeidungsmuster sind wie Schuppen einer schweren Rüstung. Sie ist vielleicht für viele unsichtbar, und doch hemmt sie Dich. Sie erzeugt in Dir Blockaden, sodass der Flow seinen Zauber nicht entfalten und Dein Leben mit Leichtigkeit segnen kann. Der Schuppenpanzer beschwert jedem, der sich vormacht, im Jetzt zu leben, aber eigentlich in der Vergangenheit hängen blieb, die angeborene Fähigkeit, aus dem Zentrum heraus Entscheidungen zu treffen und auf den Wellen der Mitmenschlichkeit und Selbstliebe zu reiten, achtsam wahrzunehmen und nicht automatisiert, sondern vollkommen freiwillig zu wirken.
Gibt es in Dir ein Interesse am Morgen? Möchtest Du es kreieren und Dich auf Ziele fokussieren, oder verbietest Du Dir die Vision, weil Dein Mantra Dir nicht erlaubt, durch die Tür hindurch ins Unbekannte zu treten?
Ja, nur im Jetzt kann man praktisch werden und den Kasten des Denkens öffnen, in die Bewegung kommen und sich selbst spüren. Aber verfallen wir der Sucht nach Euphorie und flatterhafter Begeisterung durch austauschbare Reize, verraten wir unsere Seele und ihre Bedürfnisse. Und viele nutzen dann spirituelle Theorien, um sich den Holzweg schön zu reden. Das Beschreiten der vergoldeten Kopfsteingasse weist in die Entfremdung und frisst wertvolle Lebenszeit auf. Sie kann uns niemals in die Tiefe hineinführen, nein, sie verführt uns dazu, uns selbst und anderen etwas vorzumachen.
Wer wachsen möchte, muss wissen, was er überwinden und wo und wie er erblühen mag. Diese Gewissheit entspringt dem Herzen, nicht dem systemisch geprägten Verstand.
Wir brauchen ein Selbstverständnis unserer alten und auch an uns vererbten Wunden, um aus ihnen herzuleiten, wie eine förderliche Umgebung zu sein hat, und was wir wirklich brauchen und wollen, um uns beruflich auszurichten und Beziehungen einzugehen und zu pflegen. Eine Beziehung ohne Vision ist wie Fastfood für die Sinne. Unbefriedigend und ungesund…
Der Körper, der Geist und die Seele benötigen Nahrung, damit das Energiewesen Mensch frei schwingen und Lebensenergie kanalisieren kann. Je freudvoller wir sind, desto mehr CHI fließt durch uns hindurch und sodann auch zu uns zurück, sofern wir reif für die Empfängnis sind. Nur, welcher Teil von uns freut sich?
Beobachte Dich selbst. Gibt es einen oder mehrere Lebensbereiche, in denen Du heute auf die Jagd gehen musst, um die Langeweile der Komfortzone zu vergessen oder Deinen Selbstwert zu steigern?
Ist die Art von Lebendigkeit, die Du Dir im huschenden Jetzt-Modus erobern kannst, wirklich befriedigend für Deine Seele? Oder braucht sie vielleicht etwas ganz anderes?…
… etwas Heilsames…
… etwas Leises…
… eine Beschäftigung, die Dich tief berührt und antreibt…
… eine Freundschaft, die ehrlich ist und Dir sowohl in den Hintern tritt, wenn Du herumeierst, als auch guten Mut zuredet, wenn Du an Dir zweifelst…
… eine Liebe, die Dir niemals dabei zusehen würde, wie Du Dein Potential vor die Hunde gehen lässt, weil Du tausend Gründe dafür findest, immer den leichteren, gewohnten Weg zu gehen, Dich selbst zu vernachlässigen oder gar gesundheitlich auszubeuten…
… eine gesunde Zeit für Dich, in der Du reflektierst und Deine Tränen weinst, um auf Dein Herz zu lauschen und herauszufinden, was Dein inneres Kind zu sagen hat…
Passt das alles in den kurzen Ist-Zustand hinein, den Du dafür nutzt, Deinen Impulsen zu folgen, ohne Dich selbst dabei so gut zu kennen, dass Du den Impuls der Vermeidung Deines Egos vom Impuls Deiner Seele unterscheiden kannst, damit Du auch anderen klar und verantwortungsvoll begegnen kannst und niemandes freien Willen manipulierst. Kannst Du liebevoll mit anderen umgehen, oder dienen sie Dir nur als Mittel zum Zweck?
Ist Dein Leben im Jetzt von Liebe gesteuert oder vom selbstsüchtigen Verlangen nach mehr, weil Du in Dir den Mangel nicht angehst und im Außen stopfen willst? Letzteres hat mit Spiritualität überhaupt nichts zu tun, sondern mit einer Unreife, die Liebe boykottiert und Nähe verhindert. Wer das “Leben im Jetzt“ dazu nutzt, vor sich selbst davonzulaufen, kann niemals dem tiefen Glück in sich selbst den nötigen Horizont schenken. Er hat die innere Leere zum Feind erklärt und versäumt, in ihr sein wahres Zuhause zu finden. Schade ist es, wenn die Jetzt-Sucht dazu führt, dass das heimelige Sein in der inneren Unendlichkeit nicht geübt wird und so der einzige Ort im Universum unentdeckt bleibt, wo die wahrhaftige Tür ins Jetzt sperrangelweit offen steht.
Die authentische Präsenz im Präsens ist die allerhöchste Frequenz, in der das Bewusstsein, der Körper, der Geist und die Seele schwingen können. Aber nur, wenn man währenddessen nicht rennt, sondern wirklich da ist, ehrlich kommuniziert und nichts unter den Teppich kehrt, was schmerzt und Zuwendung braucht.
Ohne Feuer steigt kein Phönix auf.
Ein kurzes Zischen am Streichholzkopf ist nicht dasselbe wie die lodernde Treue zu sich selbst und jenen, die mit uns wachsen möchten. Dieses Feuer muss genährt werden – mit Aufmerksamkeit, mit wirklicher Hingabe und mit radikaler Ehrlichkeit. Wer in dem Feuer der Transformation steht und seinen Lebensfunken immer wieder an ihm entzündet, gibt niemals auf und bleibt bereit dazu, zu lernen und zu reifen. Jemand, der die Flamme nicht ausgehen lässt, könnte niemals jemanden verleugnen, den er liebt, weil er sich selbst verleugnete, wenn er es täte. Verleugnung und Vermeidung ersticken die Brunst, dämpfen den Schlag unseres Herzens und halten uns klein.
Und erwartet jemand, der behauptet, Dich zu lieben, dass Du still stehst und wartest, wenn Deine Seele nach vorne will, der verlangt, dass Du Deine Liebe verbirgst und so tust, als gäbe es die Tiefe in Eurer Verbindung nicht, lügt dieser Mensch Dich an, wenn er Deine Nähe sucht, solange niemand hinsieht. Und wer Dir untersagt, das Neue zu kreieren, liebt Dich ebensowenig. Er trachtet danach, Dein Leben zu verwalten und von Deiner Widmung und Energie zu profitieren – und das zu ritualisierten Konditionen, auf die seine fehlende Lebendigkeit sich beziehen kann.
Drum schare um Dich nur jene, die das Feuer nicht fürchten und auch das Wasser – die Emotionen – im Inneren spüren und durchrauschen lassen wollen. So fließt der Strom des Lebens frei in Dir und stößt Prozesse an, die Deinen eigenen Ton in die Symphonie der wahren Wirklichkeit integrieren. In diesem Stück entscheidet das Göttliche, was Deine Aufgabe ist… wer an Deiner Seite sein und mit Dir zusammen wirken soll… wen Du berühren darfst und sollst… und von und mit wem Du alles lernen kannst, was Dich in ein höheres Bewusstsein emporhebt und glücklich macht.
Ein selbstwirksamer Mensch nutzt das Jetzt mit klarem Fokus, um seine Aufmerksamkeit gezielt auf eine der folgenden drei Zeitachsen auszurichten.
Zeitachse Eins: Spürt er im Jetzt einen inneren Konflikt oder eine emotionale Bedrängung, betrachtet er das Gestern und sucht nach der Ursache. Dann übernimmt er im Jetzt Verantwortung und durchbricht die Wiederholungsschleife, indem er sich und seine Gewohnheiten bewusst verändert und auch von anderen einfordert, Destruktives zu wandeln. Spricht man ihm seine Wahrnehmung ab, um ihm das Bedürfnis nicht zugestehen zu müssen, entscheidet er sich für sich selbst und schafft Raum für jene, die ihn so annehmen und lieben können, wie er sein möchte.
Zeitachse Zwei: Wahre Helden erlauben sich zu träumen. Eine positive Vision wird im Jetzt ins Leben gerufen, indem der Fokus bewusst auf das Ziel gelenkt und ein persönliches Engagement körperlich, geistig und im Herzen erfahrbar gemacht wird. Dies ist ein aktiver Akt. Das Jetzt dient nun dem verantwortungsvollen Kreieren von Wirklichkeit. Jene, die das Jetzt mit uns teilen, sollten in dieselbe Richtung gehen wollen. Sonst bleiben wir aus Pflichtbewusstsein stehen und vergeben unsere Wirkmacht an die Konformität. Verrate niemals Deinen Drang zu träumen, aus Angst verlassen zu werden, wenn Du ihnen folgst – Deinen Träumen.
Zeitachse Drei: Im Jetzt erforscht der Mensch seine wahre Bestimmtheit. Er lernt, die innerpsychischen Quellen aller Handlungsimpulse zu unterscheiden und gibt jenen nach, die seiner Vision gerecht werden und sein inneres Kind behüten. Er wählt im Jetzt die Gesellschaft von Menschen, die zu seiner Vision passen und seinem inneren Kind gut tun.
Wer mutig genug ist, authentisch und zugewandt den Weg ins Unbekannte zu gehen, um zu erleben, wie der große Geist die hingebungsvoll genährte Vision verwirklicht, braucht ebenso mutige Weggefährten. Tiefe Beziehungen verlangen nach Transparenz und Loyalität. Wer aber sich selbst gegenüber nicht transparent und loyal ist, wird sich dieser Art von Bindung nicht öffnen können. Wo aber rütteln von uns verdrängte Konflikte an die Tür unserer Aufmerksamkeit? Genau da, wo wir uns in anderen spiegeln und unsere inneren Kinder sich für jemanden entscheiden wollen… weil dieser Mensch sie an das erinnert, was sie brauchen. Genau dann sollten wir nicht wegrennen, sondern bleiben.
Unsere Seelenverwandten werden uns geschickt, weil das Universum uns konfrontieren will – mit uns selbst und mit dem großen Traum, der darauf wartet, gelebt zu werden.